Little Monster Travels 1

„Es gibt die Orte, die man gesehen haben muss – den Eiffelturm, die Freiheitsstatue, die verbotene Stadt. Dann gibt es Geheimtipps, die nicht jeder findet: die etwas ‚ganz Besonderes‘ oder ‚authentisch‘ sind, und nicht so überlaufen (so lange, bis sie sich herumgesprochen haben. Geheimtipps haben eine Halbwertszeit). Und dann gibt es die Reisen des Monsterchens. Das Monsterchen bringt Sie auf die Rückseite der Postkartenmotive. Es zeigt Ihnen die häßlichen Ecken Venedigs, oder die noch ungefilmten Ecken New Yorks…“

Dana blickte von ihrem Laptop auf und schaute durch das Schaufenster des Cafés über die verregnete Straße, mit einem Blick, der die Außenwelt nur wenig wahrnahm. Der Kaffeerest war längst kalt geworden, der kleine Tisch voll mit Papier, der Kopf quoll ebenfalls über. Zeit für eine Pause.

„Frühstück?“ fragte Linus und sah auch durch den Regen, bis Dana den Platz für sein Tellerchen freigeräumt hatte.

„Was ist denn heute übrig?“ – „Dinkelvollkornmuffin“ grummelte Linus, weiter nach gegenüber starrend. „Diese Idioten haben anscheinend jetzt auch eine Frühstückskarte! Von wegen ‚eher Ergänzung als Konkurrenz‘.“

„Aber du hast mich“, sagte Dana trocken. Ihr war nicht ganz klar, ob ihre Ironie an Linus vorbeiging oder ob er ihr überhaupt zuhörte, wenn sie solche Sachen sagte. Sie speicherte ihren Text, schloss das Fenster mit dem kleinen lila Monster und trank den Rest des kalten Kaffees. Linus nahm die Tasse und zog sich wieder hinter seine Theke zurück. „Telefon, Dana.“

„Little Monster Travels, was kann ich für Sie tun?“

Als er mit dem frischen Kaffee zurück an den Tisch kam, war sie längst wieder in den Tiefen des Internets verschwunden.

Die zahlungskräftigsten Kunden waren leider manchmal auch die unangenehmsten. Leute wie dieser Weißmann, deren Lebensinhalt darin zu bestehen schien, sich zu langweilen: alles, wovon er schon gehört hatte, wurde mit einem „banal“ abgetan; alles was ihm nichts sagte, konnte ja „keine echte Klasse“ haben. Natürlich hatte er Danas Hotelvorschlag, das Bernini77, beiläufig seinen Segelfreunden gegenüber erwähnt, und leider war die Reaktion eher ein wissendes (und leicht abfälliges) „Ach ja“ als ein überrascht-interressiertes „Aha?“ gewesen; und nun kam das Bernini77 selbstverständlich nicht mehr in Frage. Wahrscheinlich würde sie einen Scout in der Gegend auf Neueröffnungen ansetzen müssen. Weißmann wäre sicher nicht mit weniger zufriedenzustellen als damit, der allererste Gast in einem Betrieb zu sein, in dem der Service von Anfang an so perfekt war, dass es gar keine Frage war, dass dieses Haus der neue Geheimtipp werden musste.

Sie schrieb dem Scout eine Nachricht und sah, dass Lucy ihr endlich geantwortet hatte. Der Kostenvoranschlag sei immer noch zu teuer, vielleicht würde sie einfach wieder zu ihrer Mutter fahren. Das war natürlich auch nicht Sinn der Sache, aber wo sollte Dana noch sparen? Sie hatte schon den letzten Cent Freundschaftspreis für ihre alte Freundin herausgeschlagen, und Verluste wollte sie bei der Aktion auch nicht machen. Lucy wäre mit einem Bernini77 natürlich mehr als zufrieden gewesen, aber so groß war der Gefallen auch wieder nicht, den sie Lucy anscheinend noch schuldete. Dana erinnerte sich sowieso nicht an die Geschichte, vielleicht war das einfach nur wieder eine von Lucys Maschen. Irgendwann würde sie sich wahrscheinlich ernsthaft die Frage stellen müssen, wie viel ihr diese uralte Freundschaft tatsächlich noch wert war, oder wert sein sollte.

Alle Fälle sind kompliziert, dachte Dana. Sonst hätte sie die Arbeit wahrscheinlich auch längst an den Nagel gehängt. Nur: zaubern konnte das Monsterchen leider nicht, so sehr es ihre Webseite auch suggerierte.

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