Little Monster Travels 2

Linus wäre nie davon zu überzeugen gewesen, dass Dana nicht zaubern konnte. Vor ein paar Jahren war in ihm die Erkenntnis gereift, dass ihn das Bild des Kaffeehausintellektuellen ihn wesentlich mehr interessierte als das Durchackern mehrerer Regalmeter Sekundärliteratur zur Kritik der reinen Vernunft. Und so hatte er sein Philosophiestudium mit einem Entschluss statt mit einem Abschluss beendet, seinen Nebenjob als Kellner zum ehrenwerten Hauptberuf des Baristas aufgewertet und sich selbstständig gemacht. Gerade zu dem Zeitpunkt, als er begann, sich damit abzufinden, dass Kaffeehausintellektuelle wohl seit mindestens sechzig Jahren ausgestorben waren (oder vielleicht hatte die Evolution zugeschlagen und sie waren zum Hipster mutiert?), als Dana eine seiner erster Stammgäste wurde.

Sie sagte nicht viel in dieser Anfangszeit, wollte wahrscheinlich unauffällig bleiben, um sich mit einer Tasse Kaffee so viel Zeit wie möglich hinter dem großen Fenster zu erkaufen. Der Tisch in der kleinen Nische eignete sich viel mehr für ihre Zwecke als das WG-Zimmer, in dem sie auf den völlig anderen Schlafrhythmus ihrer Mitbewohnerin Rücksicht nehmen musste. Und sie liebte das Gefühl, am Stadtleben teilzuhaben, das draußen am Café vorbeizog.

Und obwohl sie meistens eher am Computer als in eine romantische Kladde schrieb, und in ihr Smartphone statt mit sich selbst sprach, hatte Linus genau die „mysteriöse Fremde“ gefunden, die er sich für sein Kabinett interessanter Kaffeehausbewohner vorgestellt hatte. Er begann, seinen anderen Gästen ebenso erfundene wie romantische Geschichten über sie zu erzählen. Sie sei die Nachfahrin einer unehelichen Tochter von Baudelaire, und habe sicherlich sein poetisches Talent geerbt. Wer so unbedacht war, seine Geschichten in Zweifel zu ziehen, beispielsweise indem er die Frage aufwarf, ob Baudelaire nicht schwul gewesen sei, bekam schnell zu hören er verstehe ja ganz offensichtlich gar nichts von Geschichte und noch viel weniger von Poesie. Und wer dann noch weiter nachhakte bekam eine Kostprobe seiner ausgefeilten Kunst, aus dem Stehgreif wichtig und wahr klingende Sätze zu produzieren (wenn auch etwas pompöse, wenn man Dana gefragt hätte): „Ich werde dir sagen, was Poesie ist: Poesie ist die stille Revolution gegen die Sachzwänge einer ungerechten Welt!“ Darauf wussten die wenigsten eine gute Antwort. In dieser Hinsicht hatte sich das Philosophiestudium also durchaus ausgezahlt.

Dana war teils amüsiert und teils etwas genervt von dieser Stilisierung ihrer Person. Wenn sie es satt hatte, als wandelndes Klischee missverstanden zu werden, blieb sie der Unsagbar einige Wochen fern (was Linus völlig davon überzeugte, es mit einer mysteriösen Poetin zu tun zu haben, auch als er längst wusste, woran sie arbeitete). In der Regel schätzte sie aber ihren Stammplatz in der Nische, in der man der Stadt hinter der Scheibe ganz nah war und trotzdem seine Ruhe hatte. Linus war dazu übergegangen, sie mit den Resten des Frühstücksangebots zu füttern (manchmal waren es vielleicht auch etwas mehr als die Reste, vermutete sie), und sie hatten es sich ganz gut miteinander eingerichtet.

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