Schreckschrauben, die vor Schreck schreiben, Folge 1

Liebe Leser,

immer wieder erreichen uns Anregungen auch von Privatpersonen, die zwar in ihren Möglichkeiten hinter einer professionellen Recherche zurückbleiben mögen, denen wir aber dennoch immer wieder Hinweise auf hochinteressante literarische Phänomene verdanken, und die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.

So erreichte mich kürzlich über den Küchentisch eine Beobachtung meiner hochgeschätzten Mitbewohnerin, die an Eleganz und Schlüssigkeit ihresgleichen sucht. Frau K. hat sich in diesen Tagen– endlich, wie man sagen muss – mit dem Leben und Werk der ihr (und uns) bisher völlig unbekannten Dichterin Doris Hartmann beschäftigt. Das Gespräch – man möchte beinahe sagen Symposion – soll hier ausnahmsweise in voller Länge wiedergegeben werden. Es ist erstaunlich, welche Perlen der Argumentationskunst sich in scheinbar einfachen Frühstücksgesprächen verbergen können.

„Sag mal, hast du mal was von der Dichterin Doris Hartmann gelesen, du hast doch Philosophie studiert?“ – „Nein, ach, im Philosophiestudium muss man so viel lesen…“ – „Ja eben, deswegen dachte ich, es hätte ja sein können.“

Zeigt diese charmante Verwechslung zwischen Literatur und Philosophie nur eine allzu verzeihliche Unbekümmertheit? Oder zeugt sie nicht vielmehr von einer alles verbindenden geistigen Größe, die man sich in einem akademischen Studium gar nicht mehr leisten kann, wo so streng geschieden wird zwischen Bild und Gedanke, Phantasie und Theorie, Liebeslied und logischer Schlussforderung!

„Ich kannte die Doris ja bisher gar nicht. Es ist eigentlich interessant, sich mal so herum zu nähern, über die Biographie. Die hatte ja eine sehr große Weitsicht, oder Vorahnung, ist zweimal gerade noch rechtzeitig geflohen, 1932 erst nach Italien, und man hat sie da auch als Kassandra bezeichnet und Schwarzseherin, weil sie eben alles vorausgesehen hat.“ – „Ja, aber Kassandra hatte doch immer Recht…“ – „Ja eben, und dann ist sie in der Nacht bevor sie abgeholt werden sollte aus Italien geflohen, sie hatte da zum Glück Verwandte, sonst war das ja auch nicht so einfach damals Visa zu bekommen. Jedenfalls hat sie auch erst in meinem Alter angefangen, Gedichte zu schreiben. Das war nämlich so, sie wollte unbedingt noch mal ihre Mutter besuchen, die krank war, und als sie gerade das Geld für die Reise zusammen hatte, erreichte sie dann die Nachricht von ihrem Tod. Und das war dann so ein Schock für sie, und da hat sie angefangen, zu schreiben. Das ist ja oft so, dass durch die Krisen erst…“

Blenden wir uns an dieser Stelle diskret aus und gehen wir dieser brisanten These einmal in aller Konsequenz nach! Über die Qualität der Gedichte von Doris ist bis Redaktionsschluss nichts bekannt, es gibt also keinen Grund, daran zu zweifeln. Die gute Nachricht für sie liebe Leser ist jedoch: Jeder kann zum Dichter werden! Auch Sie! Und dies möchten wir auch beweisen. Senden sie uns also ihr Gedicht und schildern sie uns den Anlass, der ihr Leben in so künstlerischer Weise verändert hat. Scheuen Sie sich dabei nicht, die schrecklichen Einzelheiten in aller Genauigkeit darzulegen, denn es gilt ja gerade zu zeigen: Je größer der Schock, desto größer die Kunst!

Glücklicherweise sind uns bereits Beispiele bekannt, und so beginnen wir in dieser Ausgabe mit unserer neuen Serie.

 

Schreckschrauben, die vor Schreck schreiben, Folge 1:

Oma Müllers verbrannte Weihnachtsgans

Oh! Wäre ich doch nie in diesen Mittagsschlaf gesunken!

Jetzt ist sie oben ganz verkohlt!

Und unten tropft kein Saft mehr in den Bräter!

Das Fett zieht nun als Schwaden durch die Luft,

und Herrmann oben wird zum Räucherschinken!

(Geschieht im auch ganz Recht,

er hätte auch mal auf die Uhr sehen können.

Bei seinen Autorennen, die er immer guckt,

da geht es schließlich auch die ganze Zeit um Zeit.)

Was einst durch Berge, über Täler flog

(Obwohl, so eine Mastgans fliegt wahrscheinlich nie,

die kriegen doch die Flügel gleich gestutzt)

und später vielen Essern munden sollte

(Oder besser „Essener“? Herrmanns Familie

Zumindest stammt zur Hälfte aus dem Ruhrgebiet.

Und meine Carolin isst sowieso kein Fleisch.)

Jetzt taugt es nur noch für die Deponie!

Und Weihnachten wird Rotkohl Küchenmeister,

und zu den Klößen gibt es nur Salat!

(Die Carolin will sowieso Lasagne machen,

ob die von gestern noch was übrig hat?)

Und über allem schwebt die bange Frage:

Wie krieg ich den Geruch aus den Gardinen?

 

Man mag über das Ausmaß des Unglücks sowie über den literarischen Wert dieses Erstlingswerks streiten, aber unmittelbar fassbar wird hier der direkte Zusammenhang zwischen Katastrophe und Kunst; und dies freut uns natürlich sehr. Schon in der nächsten Folge werden wir an dieser Stelle ein ganz anderes Beispiel finden, in dem der Schock sich weniger inhaltlich als vielmehr in der sprachlichen Form des Gedichts wiederfindet, die so beinahe dadaistische Qualität bekommt. Man darf gespannt sein!

 

 

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