Wenig tun

Ich freue mich an meinem  Zoo, den lieben Tierchen, die ich nicht einsperre, sondern frei fliegen lasse. Das hat zwar den Nachteil, dass man nie weiß, wann sie wieder in beobachtete Gebiete zurückkommen, oder wann sie an den ungünstigen klimatischen Bedingungen der fremden Länder, in die es sie verschlägt, zugrunde gehen; aber es hat den Vorteil, dass man sie nicht füttern muss. Und man muss keine lästigen Käfige putzen und keine überwinden, wenn man die Tierchen genauer sehen will.

Das putzige Tierchen mit der weichen Haut, das so viele Kunststücke kann, hat mich kürzlich wieder von Weitem gegrüßt. Sein Herumgehüpfe und Geschrei und sein klägliches Röcheln sollten euch nicht irreführen: es ist weit anhänglicher und weit widerstandsfähiger als man ihm zutraut. Wenn ich das richtige Futter ausstreue, kommt es vielleicht demnächst wieder von den Bäumen gesprungen und macht ein paar Purzelbäume für euch. Es beißt nur in den seltensten Fällen.

Viel anspruchsvoller im Umgang sind die fischartig-glubschäugigen Wesen, die man immer erst zu spät bemerkt, immer erst, wenn sie sich schon an der großen Zehe festgesaugt haben und traurig zu einem hinaufschauen. Ich habe für solche Überraschungsfälle einen kleinen Zitteraal in der Tasche, mit dem ich den Schwimmhäuten dieser Tierchen Stromschläge versetzen kann, bevor sie sich ganz um mich herumwickeln; denn sie denken sonst, dass sie stark sind und mich ersticken können, und geraten in Panik. Es wäre aber schade, sie sofort abzuschütteln, wenn sie sich zeigen; denn in ihrem normalen Tagesablauf bleiben sie immer unsichtbar, und sie haben sehr elegante Schuppen, die in allen Farben schillern. Ich habe zwei oder drei Exemplare in meinem Zoo – genau weiß ich es nicht, sie sind scheu, und schwer voneinander zu unterscheiden. Aber ich möchte sie nicht missen.

Ganz anders wieder ist das Wandertier. Oft lässt es so lange kein Zeichen seiner Existenz sichtbar werden, dass es schon mehrfach von unüberlegten Besuchern des Zoos für tot erklärt und von der Inventarliste gestrichen wurde. (Abends lassen sich diese Striche leicht wieder auswischen, sie sind nur mit Kreide gemacht.) Sehr zur Verzweiflung der Kinder, denn so exotische Schönheiten hat nicht jeder Zoo zu bieten. Man braucht den Kindern nicht zu sagen, dass das Tierchen selbst am lautesten schreit, es sei exotisch und ein großer Sänger, und selbst am meisten versucht, die Besucher zu blenden, für sich einzunehmen und gegen sich aufzubringen. Bei ungeputztem Fell und wenn es schläft und lange genug stillhält, um es nüchtern und bei Licht zu betrachten, sieht man, dass es etwas zerrupfter und viel weniger bunt ist, als es selbst behauptet. Die Kinder wären enttäuscht, es so zu sehen; sie würden schreien und es aufwecken, so dass es flüchtet oder anfängt zu tanzen um ihnen die Köpfe wieder zu verdrehen. Die Erwachsenen sind leiser und erleichterter, schrecken es nicht auf, sondern flüstern sich gegenseitig Anweisungen zu, jetzt Fotos zu machen, leise, ohne Blitz. Oder das würden sie jedenfalls sicherlich tun – aber außer der Zoodirektion hat bisher niemand das Tierchen beobachten können. Anfassen lässt es sich nie. Den Besuchern kann ich immer nur die frisch geknackten Nussschalen zeigen, oder die abgebrochenen Äste, und sie bitten, die Kreide in den Taschen zu lassen, selbst wenn die Nussschalen schon wurmstichig und die Äste vertrocknet sind.

Andere Tiere sind überhaupt erst ein- oder zweimal im Zoo gesichtet worden, gerade lange genug um katalogisiert und ganz oberflächlich studiert zu werden. Hier finden sich die wahren Exoten, die selbst gar nicht wissen, wie fremdartig sie sind. Ein trockenes echsenartiges Ding beispielsweise, fast nicht zu unterscheiden vom Sand, in den es sich kauerte. Es schien sogar selbst zu bröseln, verlor aber über die gesamte Beobachtungsdauer nicht an Substanz. Dennoch entschloss sich die Direktion, es nicht weiter zu stören. Wir bedecken es wieder mit Sand und markierten die Stelle weiträumig. Möglich ist also, dass es immer noch dort sitzt, und es wäre vermessen, es nicht als regulären Bewohner des Zoos aufzuführen.

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