Little Monster Travels 3

Der Scout hatte tatsächlich etwas aufgetan, ein luxuriöses Haus, das eigentlich erst  zur Hauptsaison eröffnete, aber bereit war, die eine oder andere Suite als Testlauf ein paar Wochen vorher zu vermieten. Die Mail an Weißmanns Assistentin war kurz und voller Adjektive.

Nach dem Versenden stellte Dana fest, dass wieder drei Mails von Lucy gekommen waren – es war die richtige Entscheidung gewesen, ihr nicht ihre neue Telefonnummer zu geben. Manche Freundschaften waren wie Hamster: Im Laden wirkten sie so süß und friedlich, und man dachte man müsse diese kleinen Fellbällchen unbedingt haben, die aussahen, als ob sie nur zum knuddeln und spielen auf der Welt seien. Wenn der Käfig dann aber erst mal im Zimmer stand, stellte man fest, dass sie, da nachtaktiv,  nie zum Spielen aufgelegt waren. Und aus demselben Grund rauben sie einem den Schlaf, denn wenn du müde bist, sind sie plötzlich wahnsinnig beschäftigt.

„Liebe Lucy, wenn du nicht bei Pater Umberto in der Obdachlosenhilfe mitarbeiten, und per Anhalter fahren willst, weiß ich auch nicht, wo ich noch sparen soll…“

So konnte sie die Mail natürlich nicht abschicken, aber manchmal half es, die Dinge im Klartext aufzuschreiben, damit wenigstens sie selbst noch wusste, was sie unter der ganzen Diplomatie eigentlich sagen wollte. Dana konnte sich immer schlechter konzentrieren, sie registrierte irritiert, dass Linus wieder mit seinen Fantasiegeschichten angefangen hatte. „…schreibt gerade ihr erstes Epos – Romane sind ja sowas von zwanzigstes Jahrhundert, wisst ihr. Sie hat noch bei Eco studiert, der hat die Form ja eigentlich längst gesprengt, ist bloß beim Publikum alles noch nicht angekommen, aber das liegt nur an der Vermarktung…“ – Es war bald wieder Zeit, eine Pause von diesem merkwürdigen Mietverhältnis zu machen. Inzwischen schickte ihr Weißmanns Assistentin Satellitenbilder des neuen Hotels, auf dem eindeutig noch Baugerüste zu erkennen waren. Kommentarlos. Sie hatte sich mit der Ausrichtung ihrer Agentur offensichtlich auf unzufriedene Kunden spezialisiert. An Tagen, an denen sie selbst unzufrieden war, konnte sie nicht so darüber lachen wie sonst.

„…ist ja eigentlich die Frage, was man überhaupt noch erzählen kann. Der wahre Autor unserer Zeit müsste eigentlich schweigen. Alles einem uralten Laptop anvertrauen, das Werk mehrerer Jahre, und ihn dann einfach abstürzen lassen. Den USB-Stick verschlucken. Sich wieder auf das eigene, inzwischen völlig verkommene Gedächtnis verlassen.“

Was für ein Unsinn. Dana stand auf, ging die Treppe hinunter und schloss sich auf der Klokabine ein, in der nur noch das Brummen der Lüftung zu hören war – ein Geräusch, das wenigstens mit einem Zweck verbunden war. Ihr Telefon zeigte eine weitere Nachricht von Lucy an, eine Antwort auf die Klartextmail, die sie doch gar nicht hatte abschicken wollen. Drohungen, Beschimpfungen, Beschwörungen der Verbindungen aus früheren Leben. Alle schon tausendmal gehört.

Irgendwie lebten sie alle in völlig unterschiedlichen eigenen Welten, die sowohl mit der Realität als auch miteinander gar nichts zu tun hatten. Die Blasen mischten sich nicht, jeder setzte sich nur mit sich selbst auseinander. Ob man die verschiedenen Welten gegeneinander antreten lassen konnte? Wie bei diesen alten Spielautomaten die Kämpfer mit den komischen Leggins.

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