Terror der Dinge

„Ray-Ban. It takes courage.“

Man braucht uns als Konsumenten. Etwas zu kaufen bleibt immer möglich, wird uns überall aufgedrängt, ist geradezu unvermeidbar, passiert leicht, auch ohne dass man überhaupt etwas davon merkt. Vielleicht ist das alles normal, ist man versucht zu denken; vielleicht ist es nur natürlich, dass das virtuelle Geld auf den Konten nicht nur auf Dinge wie Miete, Telefonrechnungen, Versicherungen, etwas Essen verteilt wird, sondern auch auf Dinge, die einfach schön sind, vielleicht nützlich, bestimmt praktisch, ganz neu, Firmen ohne bekannte Geschäftsadresse, bei denen es Jahre dauern kann, das obsolete Abo zu kündigen, Firmen, auf deren Internetseite man sich nie angemeldet hat, was man aber nicht beweisen kann. Denn wo ist die Grenze zwischen dem Nötigen, dem Luxus, und dem Überflüssigen? Wir besitzen bereits am Lebensanfang mehr Dinge, als unsere Großmütter je hätten haben wollen.

Die Art, am Leben teilzunehmen, die keinen Mut erfordert, und die immer möglich ist, ist der Konsum. Das, wofür keine Qualifikation, Identifizierung, Autorisierung und Betteln um Anerkennung nötig ist. Das Glück, etwas erschaffen zu haben, das Glück der Gemeinsamkeit, das Glück der Sinnhaftigkeit – wenn diese und andere Formen der Erfüllung uns versagt bleiben, bleibt uns immer das kurzlebige Glücksgefühl des neuen Besitzes. Und so lernen wir, dieses Glück mit den anderen Arten von Glück zu verwechseln und zu ersetzen: Wir lernen die platte Lüge zu schlucken, dass man schließlich alles kaufen kann. So lange, bis wir alles verkaufen, so dass sie zu einer noch platteren Wahrheit wird.

„Wer sagt, dass Sie samstags keine Finanzfragen haben?“

Wer sagt, dass ich kein Gedächtnis habe? Wer sagt, dass die absolute Verfügbarkeit alternativlos ist?

Man braucht uns als Verkäufer. Wenn ich in den unendlich vollgestopften Weiten des Internets nach Jobs suche (man braucht mich als Konsumenten), führt das unweigerlich dazu, dass ich den Rest des Tages nicht mehr funktioniere. Mir wird erklärt, in jeder erdenklichen Spielart, dass es nur darum gehen kann, in irgendeiner Weise dazu beizutragen, diese an Dingen unmäßig vollgestopfte Welt noch weiter mit Dingen zu bewerfen. Unsere Kreativität, unsere Expertise, unser kritischer Geist, unsere Ideen und Ideale sind nur insofern von Belang, wie sie dafür herhalten können, andere Menschen zu noch größeren Konsumenten zu machen. Wer ganz besonders erfolgreich ist darin, sich zu Geld zu machen, kann ja – in seiner Freizeit, mit der übriggebliebenen Energie – versuchen, sich an seine eigentlichen Ideale zu erinnern. In den fünf Minuten bis zur nächsten wichtigen Sofortnachricht.

 

„Angebot heute: Schnitzel. In 15 Variationen!“

Was nicht gebraucht wird, sind wir selbst. Weniger noch als die fünfzehnte Variation eines schlecht panierten Schnitzels aus Massentierhaltung, das preiseffizienter ist als wir: wir sind nicht marktförmig genug. Zum Studium angetreten mit der Unterstützung von Eltern, denen mit ähnlichen Abschlüssen (darf man ihren Erzählungen glauben) Arbeitsstellen vor die überraschten Füße gefallen sind. Wir müssen Praktika nachweisen, um die Praktika zu bekommen, zu denen dieselben Jobs inzwischen geworden sind. Wir sind die Generation zwischen der Wieder- oder Weiterentfessellung des Kapitalismus und dem Fachkräftemangel. Für uns hat man nichts übrig als immer dieselbe Anklage: wir hätten selbst Schuld an unserer mangelnden Marktförmigkeit, und dieselbe Warnung: Jede Arbeit, die deinem Geist entspricht, wird unerreichbar bleiben oder dich arm machen. Jede Arbeit, die auch nur Geist zu haben scheint, ist so verdichtet und entwertet, dass sie dich zerbrechen wird. Werde ein Ding, das sich verkaufen lässt und habe endlich Teil an unserer schönen neuen Welt, die nicht mehr solch seltsame Menschen, sondern nur noch solch seltsame Dinge in sich trägt.

„Liberté. Toujours.“

Wir sind wie alle anderen Generationen von Helden einst angetreten, die Welt zu retten. Mit den Waffen unserer Hybris wollten wir sie zu dem machen, was sie sein sollte, und endlich Schluss mit allem machen, was so unendlich falsch läuft.

Aber die Welt war schon voll, als wir kamen. Die Träume waren schon geplatzt, als wir sie erfinden wollten. In der Schule bekamen wir zu hören, dass wir doch endlich rebellieren sollten, so lange wir noch so jung waren, damit wir später rechtzeitig wieder zur Vernunft kämen. Und dass es sowieso nicht für alle von uns Arbeit geben würde. Aber wir weigerten uns, zu lernen, dass wir von vorneherein überflüssig und zum Scheitern verurteilt waren, so wie alle anderen Heldengenerationen vor uns. Wir weigerten uns, und verpassten die richtige Zeit, um uns Dingförmig zu machen. Wir traten an, Akteure zu sein, in einer Welt, die so vollgestellt ist, dass die Bewegung unmöglich ist. Wir traten an, unsere Stimmen zu erheben, in einer Welt, die so ohrenbetäubend laut ist, dass keine Erzählung mehr verständlich sein kann.

Man trägt uns täglich auf, uns ein Iglo aus Neuigkeiten zu bauen, damit wir uns nicht bewegen, nicht schreien, und keinen Ausweg suchen aus dem Labyrinth: wir würden feststellen, dass das Labyrinth keinen Ausgang mehr hat. Denn längst hat es die ganze Welt umspannt, die denen gehört, die uns so dringend brauchen: Als Verkäufer und Konsumenten ihrer immer neuen Gegenstände.

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