Little Monster Travels 5 (Ende)

Linus stellte das „reserviert“ Schild zurück hinter den Tresen. Dana hätte längst wieder auftauchen müssen – mysteriös sein war ja schön und gut, aber „Stammgast“ bedeutete schließlich, dass man einigermaßen regelmäßig kam. Gut, der Umsatz war natürlich gestiegen an ihrem Tisch, er war dauernd mit irgendwelchen Müttern besetzt, die in der Nische ihre Babys stillten. Die konzentrierte Atmosphäre war verschwunden, zugunsten von brüllenden und quengelnden Biestern, die von interessanten Gedanken so weit entfernt waren, wie man es als Mensch nur sein konnte. Statt der Möglichkeit, in Danas nur auf den ersten Blick unscheinbaren Augen zu schauen, bestand nun immer die Gefahr, irgendwelchen entblößten Brüsten zu begegnen. Nicht, dass er etwas gegen Brüste hatte, aber er sah sie eigentlich lieber in einem weniger prosaischen Kontext, und vielleicht nicht gerade am Arbeitsplatz. Sein alter Studienkollege Bodo kam jetzt auch seltener; und dann witzelte er lieber über das „Latte-Macchiato-Paradies“, zu dem die Unsagbar offensichtlich verkommen sei, als Vorträge darüber zu halten, welcher junge Philosoph welche Theorie schon wieder ganz falsch verstanden habe.

Bodo hing immer noch an der Uni herum; Aristoteles hatte schließlich auch zwanzig Jahre lang studiert. Ohne die endlosen Diskussionen über alles und nichts, darüber zum Beispiel, was den künstlerischen Blick ausmacht, für das Dana ein Paradebeispiel war (behauptete Linus), den er ja gar nicht richtig definiert habe (entgegnete Bodo); so dass Linus etwa in den Raum warf, der künstlerische Blick könne die ganze Welt aufsaugen und zum Betrachter zurückspiegeln, worauf ihn Bodo vielsagend über sein hinweg Weinglas anschaute und Linus mit  „Ach quatsch, du spinnst“ die Unterhaltung beendete. Dass Linus die Uni nicht mehr sehen wollte bedeutete ja nicht, dass er keine interessanten Gespräche mehr brauchte. Er überlegte, Bodo anzurufen, hatte aber keine Lust, sich wieder anzuhören, er habe einfach die falsche Entscheidung getroffen. Sein Smartphone zeigte schon wieder zwei Anrufe von dieser dämlichen Lucy an, die dauernd nach Dana fragte. Nichts zu machen, Dana ist weg. Nichts zu machen, außer dem Cappucino, der am bewussten Tisch in der Nische schon erwartet wurde. Mit Kakaoherz für die junge Mutter und Extralöffel für das Baby, schließlich ist der Service in der Unsagbar exzellent.

Dieses Baby schlief gerade in einem von diesen Tragedingern, die wohl schick aussehen sollten (Linus fand sie bloß unförmig). Die Mutter schrieb irgendwas in ein Heft, wahrscheinlich zählte sie akribisch die Kalorien, die das Kind noch essen musste oder die Fortschritte, die es schon gemacht hatte. „Danke“, sagte sie, „Nächstes Mal bitte ohne Kakao. Bei Kaffee bin ich Purist.“ – „Alles klar, sorry.“ Vielleicht hätte er ihr einen neuen Kaffee anbieten sollen, aber was sie machte war ganz klar Angeberei oder Schikane, und für beides hatte er keine Geduld. „Wenn Sie wirklich Puristin wären, würden Sie Espresso trinken.“ – „wenn ich wüsste, dass sie einen guten Espresso machen können. Einen, den man auch ohne Zucker trinken kann. Außerdem brauche ich die Kalorien, so lange ich noch selber meiner Pflicht als Milchkuh nachkomme.“

Mütter, die witzig sein wollen. Idioten, die in ihrer Uni bleiben und sich für was Besseres halten. Die Dame schrieb weiter in ihr Heft, in das sie wegen des schlafenden Klumpens vor dem Bauch selber nicht richtig hineinschauen konnte. Die Zeit der Poesie war wohl endgültig Vergangenheit. Er sollte vielleicht ein Rauchercafé aus der Unsagbar machen, das würde die Mütter sofort vertreiben. Er würde Bodo einladen an irgendeinem Abend in der Woche regelmäßig Vorträge zu halten, vielleicht ließen sich ja ein paar interessante Leute herlocken. Wieder war er versucht, Danas Webseite abzurufen, zum letzten Mal heute, versprach er sich. Es hatte sich nichts getan, und es würde sich noch lange nichts weiter tun. Aber schließlich wollte man ja auch nicht zufällig ein Update verpassen.

 „Little Monster Travels bringt sie nicht nur ans andere Ende der Welt, sondern auch ans andere Ende der Gesellschaft. Erleben Sie eine unbekannte Seite ihrer eigenen Stadt oder sogar von sich selbst.

Das Mosterchen ist bis auf Weiteres selbst im Urlaub – und bringt vielleicht ganz neue Entdeckungen mit. Wann und wo wir wieder erreichbar sind, teilen wir euch so schnell wie möglich mit.“

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