Schreckschrauben, die vor Schreck schreiben, Folge 4

Liebe Leser,

Sie haben nach weiteren berühmten Beispielen gefragt, die unsere These „Je größer die Katastrophe, desto größer die Kunst“ gefragt. Nun, daran herrscht kein Mangel. Halten wir uns gar nicht mit Werken auf, die sich um die großen Tragödien der Weltgeschichte drehen – der Trojanische Krieg, die Sintflut etcetera – sondern schauen wir auf die persönlichen Erlebnisse großer Dichter und Denker.

Franz Kafka, der ja durchaus ein literarisches Interesse an unglücklichen Begebenheiten besaß, ist zwar nicht primär für sein lyrisches Talent bekannt; dennoch finden sich bei genauerem Hinsehen große dichterische Errungenschaften, die genau für unsere Serie gemacht zu sein scheinen: Kafka darf sich doch tatsächlich als Erfinder des Invers-Haikus bezeichnen (mit 7/5/7 statt 5/7/5 Silben)! Und ausgelöst wurde diese geniale Entdeckung natürlich: durch eine persönliche Katastrophe! Nun, da der gute Franz ist, wer er ist, versucht er natürlich, seinen Schmerz mit Scherz zu überspielen – aber gerade das verleiht dem Text eine erstaunliche Tiefe. Aber urteilen Sie selbst:

 

Einmal brach ich mir ein Bein.

Es war das schönste

Erlebnis meines Lebens.

 

Genial, finden Sie nicht? Doch nun zu unserer aktuellen Einsendung. Es handelt sich um ein Beispiel des wahrscheinlich universellsten Themas der Dichtkunst: der Enttäuschten Liebe; und dennoch vermag der Dichter dem Thema hier eine ganz frische, originelle Wendung zu geben. Aber lesen Sie selbst!

 

Ich… stänke?

Nach Jahren des Leidens, die Hemden gebügelt,

Den Ausflug erdacht und natürlich bezahlt,

Nach so vielen Seufzern, nach Träumen von Küssen

geschmiedeten Ränken nun endlich am Ziel –

 

Und nun sagt die Holde, die Heldin des Herzens

Ich? …Stünke?

 

Was will sie bloß sagen mit dieser Gemeinheit?

Wie bodenlos ist denn ihr schändliches Maul!

Sie denkt wohl, sie wäre Gott weiß welche Schönheit!

Ich kann auch ganz anders! Die eklige Kuh!

 

Ich wird dich schon lehren! Die Rache wird bitter!

Ich!? Stönke!?

 

Nicht nur wegen seinem unkonventionellen Umgang mit dem Konjunktiv hat dieses Werk in unserer Redaktion übrigens eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Kämpft das lyrische Ich einen edlen, aber verlorenen Kampf? Ist die Angebetete ein Paradebeispiel der Undankbarkeit der Welt, oder nur der Undankbarkeit der Frauen? Oder hat sich das lyrische Ich zu einer fundamentalen Verfehlung hinreißen lassen? Zugespitzt formuliert: was ist wichtiger: Liebesschwüre oder Zähneputzen? Und: sollte man seine unentdeckte Liebe Jahrelang köcheln lassen? Einerseits scheint es genau diese Technik zu sein, die Jahrhunderte der Lyrik erst ermöglicht hat – andererseits wirkt sie doch in unserem Zeitalter, dass nicht zu Unrecht das der Kommunikation heißt, unnötig umständlich! Was meinen Sie, geschätzte Leser? Kennen Sie neue, zeitgemäß schnelle Methoden der Gedichtproduktion? Müssen wir das Dichten nicht bald ebenfalls den Computern überlassen? Und wie gehen wir dann mit den Schrecknissen unseres Lebens um?

Wir sind gespannt auf Ihre Zuschriften!

 

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Ein Kommentar

  1. „Wenn ich die Kuh nicht mölke, stürbe sie“ (Armin Ayren, ‚Buhl oder der Konjunktiv‘ 1982)
    Oder die ganze Nummer des Literaturboten vom September 1998, inklusive eines Dekalogs…

    Gefällt mir

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