Wir sind aber gar keine Bilder

Eine ganz bestimmte Art des Ärgers überkommt mich jedes Mal, wenn mir dieser Artikel wieder einfällt. Ich erkenne den spezifischen Ärger sofort wieder, beim Hören eines blöden Liedes, auf den Seiten des vielgelobten Romans, oder sonstwo, wo sich eine bestimmte Art von Kunstschaffender auf eine spezifische Art die Welt zurechtbiegt.

Die verschiedenen Werke haben gar nichts miteinander zu tun, sie haben äußerlich keinerlei Zusammenhang; aber das Gefühl ist so wiedererkennbar, dass es eine untergründige Gemeinsamkeit geben muss. Mein Kopf speichert die Werke so nah beieinander ab, dass ich nachdem ich das Lied zufällig im Radio gehört habe, den ganzen Tag über den Artikel nachdenke.

Ich habe ihn wahrscheinlich irgendwann im Magazin der Süddeutschen Zeitung gelesen, jedenfalls war er Teil einer Ansammlung sehr allgemeiner Texte, die sich assoziativ mit irgendeinem Thema beschäftigten, welchem, habe ich vergessen. Jedenfalls ging es um eine berühmtes Gemälde, auf dem eine Frau vor einem Spiegel sitzt und sich mit Perlenbesetzten Haarnadeln die Haare feststeckt. Man sieht ihr Gesicht nicht, die Perspektive ist so gewählt, dass ihr Hinterkopf das Spiegelbild genau verdeckt. Ihre Haltung ist entspannt, etwas verträumt vielleicht sogar. Ich kenne dieses Bild seit langem, und habe es immer gemocht, ohne viel darüber nachzudenken. Ich glaube, es trifft einfach einen Moment, der mir sehr vertraut zu sein scheint.

Anders der Autor. Früher, so schreibt er, habe er dieses Bild nie gemocht, da es ihm als der Inbegriff der Eitelkeit erschienen sei. Dies habe sich nach langer Zeit geändert. Die Gründe für diesen Sinneswandel habe ich ebenfalls vergessen, sie leuchteten mir jedenfalls nicht ein. Der Autor hatte sowohl in seiner Ablehnung als auch in seiner Zustimmung einige Dinge gründlich missverstanden. Es gibt ein ganzes Genre in der abendländischen Malerei, das Frauen bei der Toilette vor dem Spiegel zeigt, und natürlich ist dieses aufgeladen mit Symbolen der Eitelkeit und Vergänglichkeit. Gerade dieses Gemälde jedoch vermeidet diese dummen Implikationen des Genres aber ganz gut, finde ich.

Um die Szene als Bild der weiblichen Eitelkeit und des Müßiggangs zu deuten, muss man nämlich einige Dinge gründlich ignorieren.

  1. Die Entstehung des Bildes liegt vor der Erfindung der Waschmaschine. Auch wenn die hier abgebildete Frau durch ihre Kleidung und die Einrichtung des Zimmers eindeutig der Oberschicht zugeordnet werden kann, bin ich ganz sicher, dass sie in ihrem Alltagsleben deutlich mehr und schwerere körperliche Arbeit zu verrichten hatte als der Autor des Artikels in seinem Leben. Ihr Müßiggang vorzuwerfen steht in einer unrühmlichen und hartnäckigen Tradition: Den Frauen hat es noch nie an Arbeit gefehlt, und genauso wenig an Männern, die ihnen Nichtstun vorwerfen.
  2. Die Entstehung des Gemäldes liegt vor der Erfindung des Haargummis. Ich selber habe gerade wieder kurze Haare, die nicht im unpassenden Moment vor dem Gesicht herumhängen, an denen Babys gerne ziehen, die schwer sind und mit denen man sich dauernd beschäftigen muss, wenn man sie nicht richtig ordentlich weggepackt hat. Haargummis sind dafür die schnellste Lösung, die kann man schnell und auch ohne Spiegel gut anbringen. Ich habe auch gute Erfahrungen mit Stachelschweinstacheln oder Bleistiften gemacht, da kommt es aber auf die Haarlänge, den richtigen Griff, und den eigenen Anspruch an Wohlfrisiertheit an. Und auf die Konsistenz der Haare, denn ab einem gewissen Grad an Flusigkeit rutscht die ganze Chose alle paar Stunden auseinander. Will man diese Probleme vermeiden, bleibt einem nichts anderes übrig, als die Haare Strähne für Strähne ordentlich und sicher mit Haarnadeln zu befestigen. Wenn man sicher und ordentlich durch einen langen Arbeitstag kommen will, bleibt einem nichts anderes übrig, als eine Weile vor dem Spiegel sitzen zu bleiben. Die Frau auf dem Bild ist also genauso eitel und müßig wie ein Feuerwehrmann, der vor der Arbeit Helm und Stiefel anzieht. Sie tut, was nötig ist. Meiner Überzeugung nach sieht sie sich auch gar nicht selbst im Spiegel, ebenso wenig wie der Betrachter des Bildes. Sie schaut die Haarsträhne an, die sie gerade feststeckt, sie geht vielleicht geistig den Tag durch, der vor ihr liegt, und sie gönnt sich eine Minute der Stille, bevor ihre Verpflichtungen wieder über sie hereinbrechen. Ein Atemholen vor einem langen Arbeitstag.
  3. Der Grat zwischen Eitelkeit und Ungepflegtheit ist so schmal wie eine Rasierklinge. Dem Vorwurf, etwas falsch zu machen, kann frau nicht entgehen, denn irgendein Standard wird immer verletzt. Die Frau auf dem Bild, aus der Oberschicht, wie wir festgestellt haben, hat einem bestimmten Bild zu entsprechen. Sie muss gepflegt aussehen, das ist Teil ihres Status, und nicht zuletzt der männliche Teil der Gesellschaft verlangt das auch von ihr. Dieser Teil der Gesellschaft scheint aber gerne zu vergessen, wie diese Eleganz hergestellt wird – wird ihm das in Erinnerung gerufen, schreit er Eitelkeit und Müßiggang.

 

Das Lied, was in meinem Kopf an der selben Stelle steht, ist „Cello“, von Udo Lindenberg. Es funktioniert, so lange man nicht darüber nachdenkt, was das besungene Objekt der Begierde eigentlich von der Geschichte hält. Es entsteht ein vordergründig romantisches Bild von einer Frau, die Cello spielt. Diese romantisierten Frauen spielen immer Cello, nie zum Beispiel Trompete.

 

„Du spieltest Cello

in jedem Saal in unserer Gegend

ich saß immer in der ersten Reihe

und fand dich so erregend

Cello

du warst eine Göttin für mich

und manchmal sahst du mich an

und ich dachte „Mann oh Mann“

und dann war ich wieder völlig fertig“

 

Die Geschichte geht weiter, er kriegt sie rum, weil er immer da ist, aber am Schluss wird doch nicht so richtig was aus der Beziehung:

 

„Und heute wohnst du irgendwo

und dein Cello steht im Keller

komm, pack das Ding doch nochmal aus

und spiel so schön wie früher“

Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst ein bisschen Erfahrung im Umgang mit Musikinstrumenten habe, jedenfalls hat das Lied auf mich den gegenteiligen Effekt zu dem, den es wahrscheinlich haben soll: es gruselt mich. Es wundert mich jedenfalls kein bisschen, dass aus der Beziehung nichts geworden ist; ich weiß nicht mal, ob ich ihm die Geschichte überhaupt abnehme.

  1. Wenn man ein Konzert spielt, ist man in allererster Linie mit der Musik beschäftigt, in zweiter Linie mit den Kollegen, die mitspielen. Mit denen muss man interagieren, sich einigermaßen verstehen oder zumindest auseinandersetzen. In dritter Linie kommt das Publikum als Masse: ist es voll? Reagieren die Leute gut? Wie ist die Konzentration im Saal? Auf all das muss man sich konzentrieren, und wenn irgendein einzelner Zuschauer hauptsächlich da sitzt, um einen zu beeindrucken, fände ich zumindest das eher ablenkend und nervig. Vor oder nach dem Konzert kann man mal kurz vorbeischauen, aber man muss immer damit rechnen, dass die Musiker den Kopf ganz woanders haben. Das ist wirklich nicht der beste Zeitpunkt für eine eventuelle Anmache. In der Regel freut man sich auch, wenn die Leute einem zuhören wollen, weil man schön Musik macht, nicht, weil man dabei wie eine erregende Göttin aussieht. Das ist überhaupt nicht der Zweck des Cellospielens.
  2. Wenn sie so gut Cello spielt, dass sie „in jedem Saal in unserer Gegend“ Konzerte gibt, hat sie Jahrzehnte ihres Lebens damit verbracht, jeden Tag mehrere Stunden zu üben. Das Cellospielen ist also auf jeden Fall ein fundamentaler Bestandteil ihres Lebens, ihrer Persönlichkeit und ihrer Identität. Wenn sie sich also von diesem Beruf und von diesem Teil ihrer selbst abgewendet hat, hat sie garantiert wichtige Gründe dafür. Ihr dann mal eben zu sagen, sie solle doch mal wieder spielen (weil sie dann so sexy aussieht), ist gedankenlos, wenn nicht sogar eine Unverschämtheit. Sie kann auch gar nicht von heute auf morgen wieder „so schön wie früher“ spielen, denn Musik ist auch eine Trainingssache. Ein Sportler, der nicht mehr aktiv ist, kann auch nicht mal eben wieder an den Wettkämpfen teilnehmen, die er früher immer gewonnen hat.
  3. Ohne die betreffende Person zu kennen kann ich garantieren, dass das Cello nicht im Keller steht. Vielleicht auf dem Dachboden. Keller sind feucht, davon geht das Cello kaputt. Und auch, wenn sie vorhat, das Ding nie wieder zu benutzen, sind alle ernsthaften Streicher darauf trainiert, mit ihrem Instrument so gut umzugehen, wie sie auch mit ihrem Körper umgehen. Man legt ein Instrument genauso wenig einfach irgendwohin, wo es feucht ist, wie man seine Hand einfach auf einer heißen Herdplatte ablegt.

Von der Seite des Erzählers aus mag die Geschichte romantisch erscheinen, von der umgekehrten Perspektive aus ergibt sie jedoch gar keinen Sinn. Sie erzählt nicht wirklich von einer Frau – nicht einmal von einer fiktiven Frau –  sie erzählt von einem Bild von einer Frau, das auf irgendeinem hohen Sockel steht. Es ist ungemütlich auf hohen Sockeln, es zieht, und die Tauben kacken dir auf den Kopf.

Ich meine damit nicht, dass es falsch ist, wenn Kunst idealisierte Figuren darstellt, oder Geschichten zusammenfantasiert, die nicht realistisch sind. Ich meine noch nicht einmal, dass es keine schlechte Kunst geben sollte. Auch die Geschmacklosigkeit hat ihre Existenzberechtigung.

Ich glaube, was mich daran ärgert ist, dass diese spezielle Art des Geschichtenerzählens, die mich überhaupt nicht überzeugt, Kunstwerke nicht davon abhält, in den Olymp der großen Werke aufgenommen zu werden. Es ist eine Art Kunst, die nur so lange überzeugend ist, wie man vergisst oder ignoriert, das Frauen ein Eigenleben haben und nicht bloß Bilder männlicher Phantasie sind. Sobald man diese Ignoranz aufhebt, wird der Inhalt der Kunst als lächerlich entlarvt. Was diesen speziellen Ärger ausmacht, ist, wie selten diese Lächerlichkeit entlarvt und preisgegeben wird. So selten, dass dieser Artikel, meine Einwände, in den meisten Diskussionen wohl als dumme Kleinigkeit abgetan würden. Darum lache ich meistens heimlich – und freue mich um so mehr über die Kunstwerke, die nicht in diese alberne alte Falle tappen.

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