Mein Feind, das Telefon

Eine zuverlässige Methode, für mich selbst herauszufinden, wie mein allgemeines Befinden so ist,  ist zu beobachten, wie lange ich unangenehme Anrufe hinausschiebe. Fast jeder Anruf fällt in diese Kategorie. Meine grundsätzliche Annahme, auch nach Jahrzehnten des Trainings und der Selbstüberredungskunst ist immer noch: Ich störe bestimmt.

Dabei hat sich durch die Einführung des Mobiltelefons die Situation schon entscheidend verbessert. Davor, früher, war das schwarze Loch am anderen Ende der Leitung noch viel größer: Wer geht dran? Kennt der mich überhaupt? Ist die Person, die ich anrufen will, überhaupt nicht da? Und auch die Unsicherheit, die noch bleibt, kann ich heutzutage mehr in die Verantwortung des Angerufenen legen: wer wirklich nicht gestört werden will, kann sein Telefon ausschalten oder ignorieren, was früher überhaupt nicht üblich war. Fast niemand hat absichtlich einen Anruf ignoriert, egal ob Mittagsschlaf oder Essenszeit. Das hatte zur Folge dass ich mich immer selbst davon überzeugen konnte, jetzt sei es bestimmt noch zu früh oder schon zu spät, anzurufen. Die Leute schlafen bestimmt, oder sind beschäftigt, oder haben gerade Mal eine wohlverdiente Pause.

Auch die Vermeidung von Anrufen ist einfacher geworden, kurze Nachrichten oder schnelle Nachfragen kann man in der mir viel angenehmeren Textform an den Adressaten bringen. Im umgekehrten Fall, wenn mich jemand erreichen will, ist mir das auch lieber – mein Telefon wird ununterbrochen verlegt oder überhört, und wenn dann ein Anruf eingegangen ist, habe ich umgekehrt wieder ein schlechtes Gewissen – und das Problem, zu entscheiden, ob ich jetzt wieder zurückrufen müsste. Womit die Überlegungen  von vorne anfangen.

Vielleicht ist es mir auch einfach zu nah, wenn mir plötzlich eine Stimme ins Ohr springt, ohne dass ich durch vorherige Beobachtungen einschätzen kann, was da auf mich zukommt. Diese Vermutung kam mir erst kürzlich durch eine Sprachnachricht einer relativ neuen Bekannten auf meinem Telefon: ich musste nicht unmittelbar reagieren, und ich konnte niemanden stören; aber der Widerstand vor dem Abhören und das Moment der Vermeidung und Verschiebung war trotzdem da.

Mir fällt dazu eine ganz alte Erinnerung ein, noch aus dem Kindergartenalter. Ich war bei einer Spielkameradin, und wurde seltsamerweise dort angerufen. Als ich ans Telefon ging, wurde ich von einem anderen Kind beschimpft. Ich hatte keine Ahnung, wer das war, woher er oder sie wusste, wo ich war, und was überhaupt das Problem war. Nur das ich blöd gefunden wurde. Ich glaube nicht, dass dieses Erlebnis unbedingt schuld an meiner Telefonphobie ist, aber rückblickend betrachtet ist es ziemlich erstaunlich, was für eine kriminelle Energie dieses Kind aufwendenden musste, nur um mir so einen idiotischen und destruktiven Streich zu spielen. Wie kommt man überhaupt auf so was?

Es sei dahingestellt, in wie weit einer so frühen Erinnerung überhaupt zu trauen ist. Jedenfalls habe ich in den Jahrzehnten meiner Erfahrung mit diesem Phänomen nicht nur festgestellt, dass die Telefonphobie ziemlich weit verbreitet ist, sondern ich habe auch einige Strategien entwickelt, um sie zu überlisten. Nicht jede Strategie eignet sich für jedes Telefonat, aber zusammengenommen bilden sie schon ein beachtliches Arsenal der Selbstüberwindung. Da dieses sicher mir und vielleicht auch anderen von Nutzen sein wird, sei es hier aufgelistet.

  • Tauschen

Die effektivste Methode gleich zu Anfang, die aber nur in ganz bestimmten Fällen anwendbar ist. Einmal hat sich durch glücklichen Zufall ergeben, dass eine ebenfalls an Telefonfeindschaft leidende Freundin gerade in der Aufschiebephase war. Beides waren Informationsanrufe bei Büros, wo man uns nicht kannte. Uns beiden wurde plötzlich klar, dass der Anruf bei dem Problem der jeweils anderen überhaupt nicht schwer für uns war. Es ging uns nicht nahe, weil es uns selbst nicht betraf. Ich hatte das Gefühl, noch nie einen so einfachen Anruf erledigt zu haben. Als Bonus stellt man fest, dass man selbst vielleicht seine Sache sogar noch besser vertreten hätte (weil einem zum Beispiel noch etwas eingefallen wäre, was man vorher nicht absprechen konnte).

  • fiktives Tauschen

Dieser glückliche Zufall ergibt sich leider sehr selten, aber man kann die Situation mit etwas Übung im Kopf wieder herstellen. Es gehört etwas Willenskraft dazu, aber wenn man sich vorstellt, für jemand anderen anzurufen, kann man sich zumindest einen Teil der Tauschenergie zunutze machen.

  • Perspektivwechsel

Eine andere Methode besteht darin, sich in den Angerufenen hineinzuversetzen. Wie unverschämt fände ich es, wenn ich mit diesem Anliegen angerufen würde: überhaupt nicht. Im Falle von Anrufen bei Büros kommt noch dazu, dass die Leute schließlich da sitzen, um angerufen zu werden. Das hindert sie zwar nicht immer daran, unfreundlich zu sein, aber das ist ja schließlich nicht meine Schuld.

  • Distanz

Dies ist im Prinzip das Gegenteil der letzten Methode. Man nimmt die Unfreundlichkeit vorweg, die der Angerufene an den Tag legen könnte. Man überlegt sich den schlimmsten Fall, stellt sich vor, wie der Angerufene unfreundlich und kurzangebunden alle Fragen abbügelt – und stellt dann fest, dass es einem bei unverschämten Blödmännern ja schließlich nicht unangenehm sein muss, wenn man ihnen auf die Nerven geht. Diese Methode funktioniert auch rückwirkend gut, wenn man tatsächlich ein unerwartet unangenehmes Telefonat hatte.

  • Banalisierung

Manche Anrufe sind ganz einfach und langweilig. Diese standardisieren sich im Laufe der Zeit. Anrufe bei Ärzten, dem Kindergarten und so weiter. Sollte die Telefonfeindschaft so zuschlagen, dass man selbst diese Anrufe anfängt aufzuschieben, hilft es, diese Gespräche einfach als Routine abzurufen, genau dasselbe zu sagen, was man immer sagt, und sich selbst quasi gar nicht zuzuhören.

  • Übung

Bei meinen letzten Arbeitsstellen musste ich nicht nur viel telefonieren, sondern sogar Leuten telefonisch auf sie Nerven gehen, um sie zu bestimmten Terminen an die richtigen Orte zu bekommen. Die Sache wurde noch erschwert durch ein Diensttelefon, das nur bei etwa jedem fünften bis zehnten Versuch den Anruf durchstellte. Zu dieser Zeit war meine Telefonfeindschaft ein Ding der Vergangenheit, denn es war einfach unglaublich praktisch, wenn man die Leute direkt sprechen und auf Antworten festnageln konnte.

  • Belohnung

Nach einem erledigten Anruf in einer telefonfeindlichen Phase bleibt mir meistens ein etwas unangenehmes Gefühl zurück. Auch im Rückblick weiß ich nicht, ob das Telefonat schlecht war, und die Erleichterung über die erledigte Aufgabe stellt sich meist erst viel später ein. Dann hilft es, sich bewusst zu machen, dass man wieder einmal gegen das Telefon gewonnen hat, und dieser Sieg doch gefeiert werden sollte, mindestens mit einem Triumphgefühl. Die Angst vor dem Telefon ist doch im Grunde viel Lärm um Nichts. Zumindest hinterher.

 

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