Sportschau

Im Sommer 2006 bin ich oft Fahrrad gefahren. Es war ein fast irreales Gefühl, durch die menschenleeren und autofreien Straßen zu sausen, so ungestört als wäre man der einzige Mensch, der nicht im Urlaub, vor Bildschirmen und Leinwänden oder im Stadion saß. Die Freiheit, etwas Wichtigeres zu tun zu haben als sich der Allgemeinheit anzuschließen. Trotzdem wurde mir der Punktestand in Echtzeit mitgeteilt, mit Geschrei, oder von Weitem eher einem Summen, das aus allen Fenstern strömte. Diese indirekte Art, Fußball zu erleben, ist mir die Liebste.

Ich schaue aber durchaus manchmal ein Spiel mit an. Allerdings glaube ich, dass die Wirkung, die Fußballspiele auf mich haben, nicht der Intention der Verantwortlichen entspricht. Sie liegt irgendwo zwischen Aquarium und Bildschirmschoner: Auf dem grünen Hintergrund bewegen sich bunte Punkte wie Fische hin und her, immer wieder in ähnlichen Mustern, die sich in der kollektiven Geräuschkulisse widerspiegelt. Es hat etwas sehr Beruhigendes, Kontemplatives, und versetzt mich fast in eine Art Trance, aus der heraus ich die aufgeregten Emotionen der „richtigen“ Fußballgucker betrachte; deren Äußerungen werden auch Teil einer Geräuschkulisse, die zwar hochemotional ist, aber nicht ernst, und kein Eingreifen meinerseits erfordert. Es entsteht eine Art gepflegte Langeweile, die manchmal recht entspannend ist.

Wenn ich will, kann ich auch die Perspektive wechseln, das Geschehen nachvollziehen und versuchen, mit zu fiebern (oder wenigstens Partei zu ergreifen); aber wozu die Anstrengung?

Schlimmer, und noch langweiliger, ist Tennis. Erstens weil es keine vorher festgesetzte Zeit gibt, bei der das Spiel beendet ist; zweitens ist man zu nah dran, so dass der Aquariumseffekt (mit dem beruhigenden grünen Hintergrund) sich nicht einstellen kann. Außerdem sind dauernd Pausen. Das Geschehen ist zu wenig gleichförmig, um als Bild betrachtet werden zu können, und gleichzeitig zu gleichförmig, als dass es interessant für mich wäre. Die Langeweile ist also hier nicht kontemplativ, sondern nervig.

Am nervigsten sind Autorennen: Das Geräusch von wütenden Insekten, das die Autos machen, die Tatsache, dass keine Menschen zu sehen sind, die irgendetwas tun, sondern nur anonyme Maschinen, und der fehlende Überblick über die Strecke machen sie zu einer für mich völlig sinnlosen Veranstaltung.

Leichtathletik und andere Sportarten, die man normalerweise nur während der olympischen Spiele im Fernsehen sehen kann, sind etwas interessanter; dabei kann man einzelnen Menschen zugucken, wie sie irgendwelche unglaublichen und merkwürdigen Dinge mit ihren Körpern anstellen. Als eine Art Kuriositätenkabinett ist das ganz amüsant anzuschauen – und die Sache kann sich jederzeit in ein Gruselkabinett verwandeln, wenn einem der Athleten irgendwelche schrecklichen Unfälle passieren. Ein gewisser Nervenkitzel ist also in diesem Fall auch bei mir vorhanden.

Was mir aber offenbar fehlt, um wirklich in den Sog der Sportübertragungen zu geraten, ist glaube ich ein grundlegendes Bedürfnis, wieder und wieder die Etablierung einer Hierarchie mitzuerleben. Es ist mir leider völlig egal, wer gewinnt. Ich fühle mich nicht automatisch mitgemeint, wenn eine bestimmte Mannschaft oder Person antritt, und ich habe auch keine besondere Freude daran, mir eine solche Zugehörigkeit auszusuchen. Bei den Autorennen steht diese Grundvoraussetzung aller Sportwettkämpfe vielleicht in ihrer reinsten Form im Vordergrund: vom sportlichen Anteil, den die Fahrer leisten, sieht der Zuschauer gar nichts; alles was er beobachten kann, ist ein reiner Machtkampf. Wir beobachten lediglich die Etablierung einer Hierarchie.

Was es bedeutet, dass der ritualisierte und reduzierte Anblick einer Machtetablierung für so viele Leute so faszinierend ist, für mich und andere jedoch gar nicht, darüber ließe sich noch nachdenken. Es gibt Kinder, die Spiele nur spielen wollen, wenn man dabei gewinnen kann (und so einen Zweck hat), und es gibt Kinder, die Spiele nur spielen wollen, wenn dabei niemand am Ende gewinnt (und so das Spiel selbst in seiner Bedeutung nicht entwertet wird). Für die einen ist das Spielen eine Möglichkeit, sich im Wettkampf auszuprobieren; und für die anderen ist das Spielen eine Möglichkeit, sich dem unentwegten Wettkampf zu entziehen, in den sie sich täglich geworfen sehen. Manche Sportzuschauer fragen sich, warum jemand bei einem Wettkampf überhaupt mitmacht, wenn sowieso am Ende nur einer eine Goldmedaille gewinnen kann. Wenn der Wettkampf selbst daher nicht noch irgendwelche anderen Qualitäten hat, außer der, ein Wettkampf zu sein, lohnt es sich für diese Zuschauer gar nicht, dabei zu bleiben. Unsere sportbegeisterten Angehörigen mögen uns verzeihen, wenn wir angesichts ihrer Ausdauer auf der Couch nur ein verständnislos Lächeln übrig haben.

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