Musik und Erzählen 1

Ist die Schlange immer noch tot?

Die Kinder hatten entdeckt, dass dieses Bilderbuch das A. zu Weihnachten bekommen hatte, Musik machen kann: Jede Seite spielt ein kurzes Stück aus Mozarts Zauberflöte, wenn man auf den entsprechenden Knopf drückt. Und F. wollte jetzt auch so ein Buch haben. Jetzt, das heißt nicht gleich, oder wenn die Geschäfte offen haben, oder wenn ich fertig aufgeräumt habe, sondern jetzt heißt jetzt in dieser Sekunde. Es ist also nur einem meiner Ablenkungsmanöver geschuldet: Die Zauberflöte kann man sich im Internet jederzeit in den verschiedensten Inszenierungen vollständig angucken. Ich dachte, ich schaue mal, was passiert.

Das Wichtigste war ihm, dass ich nicht etwa den Film ausmache, bevor das Stück zu Ende ist. Nicht nur das, seitdem werde ich regelmäßig gefragt, wann wir das mit dem Vogelfänger noch mal angucken können.

Außerdem stelle ich fest, dass das Kind sehr vernünftige Fragen stellt: Immer wieder die Frage, wo jemand ist, der gerade noch zu sehen war. Wo ist die Schlange? Wo ist der Prinz? Wo ist die Pamina? Wo sind jetzt die Soldaten?

Das mag dem Phänomen geschuldet sein, dass Oper im Fernsehen immer schwierig ist – es gibt ein Problem mit der Räumlichkeit, mit Nähe und Distanz. Die Oper ist darauf ausgerichtet, den Blick, der immer die Totale sieht, auf bestimmte Punkte zu richten und gleichzeitig immer ein komplettes Bild mitzudenken, das ja nicht wegzubringen ist. Das Fernsehen ist genau umgekehrt: es muss aus den Nahaufnahmen, die die Geschichte erzählen, eine Räumlichkeit konstruieren, wofür es natürlich eine etablierte filmische Grammatik gibt. Die beiden visuellen Taktiken lassen sich nicht ohne weiteres aufeinander übertragen, und es gehört viel Wissen dazu, die Räumlichkeit einer ins Fernsehen übertragenen Oper rekonstruieren zu können.

Dazu kommt, dass die Zauberflöte ohnehin ein Problem mit der Räumlichkeit hat. Ich stelle mir die Geschichte in einem Raum vor, der sich ständig von selbst verändert und in dem die Protagonisten immer wieder überraschend zueinander und voneinander weg transportiert werden. Eine Art lebende Landschaft mit eigenem Willen. Das ganze Stück über haben sich die meisten Figuren ständig entweder verlaufen, haben jemanden verloren, mit dem sie gerade noch zusammen waren, oder finden plötzlich jemanden wieder, den sie eigentlich nicht finden können. Oder sie wollen gehen, finden aber den Ausgang nicht.

Warum schickt zum Beispiel die Königin der Nacht den Prinzen Tamino los, ihre Tochter zu befreien, wenn sie selbst im Laufe des Stücks in der Lage ist, der immer noch gefangenen Pamina einen Dolch in die Hand zu drücken? Warum ist es für den Prinzen erst mal schwierig, in den Palast zu kommen, und als er drin ist, kommen mal eben die drei Damen vorbei, die ja erst recht nicht hätten eindringen dürfen. Wenn man dazu eine einigermaßen logische Erklärung sucht (was man nicht muss, denn die Geschichte funktioniert auch, viele würden vielleicht sogar sagen sie funktioniert nur, wenn man alles ein bisschen vage und mysteriös lässt), bedeutet das, dass die Königin der Nacht den Prinzen nur losschickt, um ihn zu manipulieren, um ihre Tochter zu verkuppeln oder vielleicht um Sarastro zu ärgern. Oder sie kann zwar zu Pamina kommen (das würde bedeuten, dass sie in ihrer ersten Arie lügt, wenn sie den Prinzen losschickt), kann sie aber nicht befreien, braucht also jemanden, der sie herausbringt. Es geht in jedem Fall irgendwie um Macht und Manipulation.

Zum Glück interessiert sich F. nicht für größere logische Zusammenhänge (die wären sowieso zu verwirrend), sondern nur für das, was unmittelbar jetzt passiert. Was macht der Vogelfänger? Wer sind die da? Was machen die jetzt? Wo ist die Schlange? Ist die Schlange immer noch tot?

Ich versuche zu erklären, dass man wenn man tot ist, auch tot bleibt, aber das ist noch kein richtig verständliches Konzept für ihn. Außerdem wird die Frage immer schwieriger zu beantworten, als das Stück vorbei ist: Können wir das mit dem Vogelfänger mal wieder angucken? – Ja, können wir irgendwann. – Wo ist die Pamina jetzt? Ist die Schlange immer  noch tot? – Ääh… Schwierig zu sagen, denke ich, worauf bezieht sich in diesem Fall das „immer noch“? Die große Schlange, die wir auf der Aufnahme gesehen haben (übrigens war mir die Inszenierung eigentlich zu pappmachéelastig, aber zumindest war die Schlange als solche erkennbar) ist mit Sicherheit längst abgebaut und verschrottet. Und wenn wir das Stück nochmal ansehen, ist sie ja am Anfang nicht mehr tot. Erst wenn dann die als Jäger gekleideten drei Damen kommen und sie erschießen. Das Kind muss mal ins echte Theater gehen. Schwieriger ist in einem echten Theater allerdings die ununterbrochene Fragenflut, die F. während der gesamten Zeit auf mich loslässt. Alles nur wegen eines technisch überkandidelten Bilderbuchs.

Ich habe selbst als Kind die Zauberflöte gesehen (war aber schon etwas älter) und die Geschichte überhaupt nicht verstanden. Eigentlich tue ich das immer noch nicht richtig, die Geschichte driftet merkwürdig ab von ihrem Ausgangspunkt. Am Anfang denkt man, aha, die Sache ist klar, ein Prinz soll eine Prinzessin befreien, so weit so gut. Der Zauberer (oder was er auch immer ist), der sie gefangen hält, ist böse. Aber dann geht der Prinz los und anscheinend ist Sarastro doch nicht böse, sondern die Mutter war böse, deshalb hat er die Tochter entführt. Als Kind habe ich daraus geschlossen, dass wahrscheinlich Sarastro der Vater von Pamina ist, und sich die beiden zerstritten haben. Soweit meine erste Interpretation dieser konfusen Geschichte, die vor allem von Musik und Geheimnistuerei zusammengehalten wird. Als Kind gehen viele Bezüge natürlich an einem vorbei – das macht aber komischerweise nichts.

Eigentlich fand ich die Zauberflöte damals wahrscheinlich viel schöner, wo mir die Zusammenhänge auch mehr oder weniger egal waren. Die Musik ist faszinierend, die Bilder sind faszinierend, und man hat immer das Gefühl, aus den Märchenmotiven würde sich irgendwie eine poetische Geschichte zusammensetzen lassen, wenn man mal genauer drüber nachdenkt. Das ist ein Trugschluss, denn je genauer ich darüber nachdenke, desto mehr moralische Zweifel kommen mir daran, dass ich mein Kind so etwas anschauen lasse: Aus einer etwas durchdachteren Sicht stimmt diese Geschichte hinten und vorne nicht. Sarastro wird von allen, die auf seiner Seite sind, und auch vom Verlauf der Erzählung als der Gute dargestellt, er macht aber eigentlich die ganze Zeit sehr fragwürdige Dinge. Er ist ein machtbesessener und manipulativer Sektenführer, aber die Erzählung scheint sich auf seine Seite zu stellen, inklusive des unverhohlenen Rassismus und Sexismus. Die Königin instrumentalisiert auch die Leute um sich herum für ihre Zwecke, aber sie hat nicht die Macht, sich durchzusetzen.

Eigentlich eine ziemlich blöde Geschichte. Und warum ist das die berühmteste Oper überhaupt? Ist es gerade unlogisch genug, dass die Musik die Geschichte zusammenhalten kann? Verlangt man gar nicht, dass die Erzählung stimmig ist, wenn es genug Musik und Budenzauber drum herum gibt? Hat die Musik ihre eigene Logik, und was erzählt sie dann eigentlich? Die Kinder sind jetzt jedenfalls schon im zarten Alter dem Opernvirus verfallen, wie es scheint.

Na dann, Papapapapapapageno!

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