Falsche Schiene

Auf den gut besuchten Bahnsteig tritt ein großer dünner Mann, ein Handy in der Hand. Hier, beschließt er, ist seine Bühne. Das Telefon schmeißt er mit theatralischer Wut auf den Boden, flucht laut in unbestimmte Richtung, ist sich der Wirkung bewusst, die umherfliegende technische Teile  auf Umstehende Wartende haben. Eine dieser Wartenden sucht er sich aus, jung muss sie sein und möglichst schüchtern, für den nächsten Teil seiner Vorstellung – den mit der Publikumsbeteiligung.

Verzeihung, bittet er, etwas gesammelter aber noch theatralisch, er habe eine Verabredung mit seiner Tochter, müsse mit der S-Bahn dort hinfahren, sei schon zu spät, habe aber kein Geld für die Fahrkarte. Das Mädchen, weiß er, fühlt sich gefangen in dieser Begegnung, sie weiß nicht, wie aus dem Drama zu entkommen wäre – eine gewisse Brutalität hat der Mann bereits bewiesen, andererseits macht er sich jetzt aber klein, versucht auf die Mitleidsschiene umzurangieren.

Er sei bereits kontrolliert worden und wolle das jetzt nicht gleich wieder riskieren. Er sei bei der Bahnhofsmission gewesen, aber dort habe man ihm nicht helfen wollen, dort helfe man nur den anderen. Ob sie ein bisschen Geld habe, sechs Euro achtzig, nur wegen der Tochter, sonst wäre es ihm ja egal, aber er wolle sie nicht enttäuschen.

Der Frau ist die ganze Zeit klar, dass es hier um eine dramatische Inszenierung geht, eine Aufführung mit dem Zweck, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Im Prinzip ist es völlig egal, wieviel von der kompliziert herzzerreißenden Geschichte wahr ist; auch die Wahrheit wird hier nur vorgespielt. Mit Sicherheit ist dieser Mann sich selbst das gläubigste Publikum.

Das Mädchen sagt so wenig wie möglich, überlegt nicht, ob sie die Geschichte glaubt oder nicht (denn es geht um das Drama), zieht schließlich einen Geldschein aus der Tasche – zwanzig Euro, viel zu viel, aber klein hat sie es nicht und sie will die Situation beenden. Immer noch kann sie sich nicht entziehen, nicht wehren gegen den Bann der Geschichte und die eventuelle Bedrohlichkeit der Situation. Vielleicht enttäuscht er ja heute tatsächlich mal nicht seine Tochter, im besten Fall. Es ist ganz sicher, dass er sie im Lauf der nächsten Jahre regelmäßig enttäuschen wird, genauso klar, dass er sich selbst diese Szene vorspielt, um genau das von sich selbst nicht glauben zu müssen.

Der Mann, wahrscheinlich um auch in der aktuellen Situation vor sich selbst besser dazustehen, will das Geld nicht einfach so annehmen. Besteht darauf, dass die junge Frau ihm ihre Adresse gibt, damit er das Geld zurückgeben kann, er wird es ihr schicken, versprochen. Das Mädchen ist immer noch gelähmt, will weg aus dieser Lage, hat eigentlich keine Lust, diesem Mann zu helfen, sich selbst zu belügen.

Sie denkt sich, ohne es auszusprechen und selbst auf einer theatralischen Ebene, dass es eine Sache ist, zu entscheiden (wenn auch unter Manipulation), dass diese Szene etwas Geld wert ist, sei es aus künstlerischer Anerkennung, sei es, damit sie endlich vorbeigeht, sei es, damit die Tochter dieses Mannes vielleicht einmal nicht enttäuscht wird, sei es, damit der Mann sich ein anderes Publikum sucht für seinen Selbstbetrug – eine andere Sache ist, wenn ein fremder, großer und wütender Mann einer jungen Frau ihre Adresse abtrotzt. Sie müsste ihm das sagen, denn bemerkt offensichtlich überhaupt nicht, dass er gefährlich wirkt, denn er glaubt ja. er sei sicher angekommen auf der Schiene des Mitleids. Andererseits hat er sie sicher nicht zufällig ausgewählt, spielt sich auch seine eigene Harmlosigkeit nur vor. Sie sagt nichts, weil sie ihm in seiner Aufgebrachtheit nicht widersprechen will.

Theatralisch ist auch diese Ebene, weil sie sehr sicher ist, was passieren wird. Dass dieser Mann sich hier nur wieder in eine Situation bringt, in der er jemanden enttäuschen wird. Das Geld wird sie nicht wiedersehen, er wird es sich ein paar Mal vornehmen und schließlich verdrängen. Es geht ihm nur darum, in diesem Moment vor sich selbst als kein schlechter Mensch wenn auch Opfer der Umstände dazustehen.

Er bekommt am Schluss was er will, das Geld und den Zettel mit ihrer Adresse. Unangenehm ist ihr dieses Ergebnis; nicht weil sie wirklich von ihm eine Bedrohung fürchtet, sondern weil er mit dieser Geste auch wieder ihre Freiheit genommen hat. Die Freiheit, ihn zu durchschauen und sich frech mit etwas Geld von diesem Problem freizukaufen. Und im Nachhinein einfach gedanklich ins Kulturbudget zu verschieben, eine Ausgabe für Straßentheater. Erst mit dem Zettel hat er sie gezwungen ins Spiel einzusteigen, und so zu tun als würde auch sie so wie er das Theater nicht sehen, das er vorspielt.

So bleibt die Szene zurück im Gedächtnis, ein paar Mal denkt sie noch darüber nach, ob noch irgendwas Unangenehmes aus diesem Zettel folgen wird. Stellt sich vor, wie er noch mal, mit immer dramatischeren Geschichten, um Geld oder Mitleid bittet. Ist aber sicher, dass dieser Mann keinen echten Aufwand um irgendwas betreiben wird, was ihm nicht unmittelbar punktuell nützlich ist. Irgendwann denkt sich auch das in der Vergangenheitsform.

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