Der Schatten Schattenseite

Die Texte, die ich für eine andere Webseite schreibe, werden als Information deklariert. Ich hatte immer ein unbestimmt komisches Gefühl dabei, sagte mir aber selbst, ich solle mich nicht so anstellen. Information also, über Musik in der Stadt Frankfurt, das ist eigentlich ein leichtes Thema, um darüber zu informieren. Heute bin ich dem Problem aber auf die Schliche gekommen: in einer kleinen Anmerkung der Redakteurin, die die Formulierung „im Schatten der Banken“ für zu düster und negativ erklärte.

Diese Kritik kenne ich aus meinem kurzen Ausflug in die Welt der Werbetexter. Ich hatte damals eine Anzeige für ein Konzert zu schreiben, in dem ein Pianist zwei Mozartkonzerte spielen würde, die im Lexikon als zusammenhängend, da kontrastierend beschrieben wurden: das erste heiter und fröhlich, das andere düster und temperamentvoll. So ähnlich hatte ich diese Formulierung in den Anzeigentext übernommen, weil ich das für interessant hielt. Der Kunde, der immer per Mail unsere Texte in Grund und Boden redigierte und am Schluss eigentlich nur seine eigenen Formulierungen stehenließ (so lange, bis er vergessen hatte, dass die Formulierung von ihm stammte), hatte dazu in etwa Folgendes zu sagen: „Geht GAR NICHT! Viel zu negativ! Wir wollen die Leute nicht abschrecken, sondern hinlocken!“

Abgesehen von der merkwürdigen Tatsache, dass sich dieser Kunde aus unerfindlichen Gründen auf die immer gleichen drei Adjektive eingeschossen hatte, war dies der Punkt, der mich am meisten ärgerte bei dieser Textarbeit (die völlig an dem vorbeiging, was mich an Textarbeit interessiert). Die ständige Lobhudelei der immer gleichen großen Stars – denn alle anderen kennt die große Masse an Kunden nicht, und dann das keinen Effekt. Dafür verzichtet man dann auf den Sinn, hatte ich das Gefühl. Mir liegt wohl eher die Kritik als das Lob, beziehungsweise das differenzierte Lob. Erst die Schatten machen ein Bild doch überhaupt erkennbar. Aber nein: Immer die gleichen fünf Gesichter mit immer den gleichen drei Attributen versehen erzeugen eine schillernde gleißende Welt aus LIcht, in der nicht nur wie bei Brecht gilt: „Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, sondern auch das Dunkle selbst wird unsichtbar gemacht.

Jetzt nun also dieser Text, in dem die Erwähnung des Wortes Schatten als zu negativ reklamiert wurde. Technisch ist das überhaupt kein Problem, genausogut kann ich schreiben „zwischen den glitzernden Fassaden der Hochhäuser lässt sich ein schillerndes Musikleben entdecken“. Wird der Text dadurch für mich interessanter, besser oder schöner zu lesen? Es bleibt sich eigentlich gleich. Ein paar billige Metaphern in einem oberflächlich informativen Text über ein Thema, das man sich auch in ein paar Minuten selbst zusammengoogeln kann.

Solche Texte sind sicher nicht die, an denen ich im Internet hängen  bleibe. Und was den Informationsgehalt betrifft werde ich immer misstrauisch, wenn die Texte sich auf helle und schöne Glitzerwelten beschränken. Gut informiert fühle ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass ich über Vor- und Nachteile eines Sachverhalts mehr oder weniger Bescheid weiß, Alternativen und fehlende Alternativen benennen kann und allgemein weiß, welche Kompromisse ich eingehen muss, wenn ich mich auf eine bestimmte Entscheidung festlege.

Außerdem mag ich auch rein ästhetisch die interessanten Seiten, die das Dunkle, Dreckige, Hässliche und Kaputte zu bieten hat. Was mich zum Beispiel an Venedig begeistert hat ist, wie krass und wie eng hier das abgrundtief Schöne und das überwältigend Hässliche dort aufeinanderprallen. Und in vielen Fällen lässt sich nicht einmal entscheiden, zu welcher Kategorie ein bestimmter Anblick gehört. Das Schöne kippt in Venedig sofort ins Kitschige, das Hässliche ins Pittoreske, die Schönheit verkauft ihre Seele und in der Hässlichkeit entwickelt sich das Lebendige. Die von Lichtspiegelungen überzogene Marmorfassade stößt nicht nur unmittelbar an die überquellenden Mülleimer, die den kaputten Eingang zum Nachbarhaus verstellen, beide gehören auch ästhetisch für mich zusammen.

Also gut, dann schreibe ich zähneknirschend über Glitzerfassaden, auch wenn ich selbst lieber im Schatten nach einer unverhofften Blüte suchen würde. Und dann verkrümele ich mich auf deren Rückseite und schreibe in der Unsichtbarkeit des totgeschwiegenen Schattens einen Spiegelstrich. Es dauert eine Weile, bis die Augen sich von der Blendung erholt haben und die Schattengestalten hier hinten wieder erkennen können. Dann schauen sie sich um und suchen nach der hässlichsten Blume, die sich im Dunkeln behaupten kann.

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