Kinder manipulieren – eine Gebrauchsanleitung

Täglich, stündlich, ununterbrochen manipuliere ich meine Kinder. Ich schäme mich nicht dafür, nein, ich bin sogar noch stolz drauf. Die Alternativen, die das Erziehungsregister bietet, sind nämlich eher moralisch noch fragwürdiger: die Schaffung unabänderlicher Tatsachen (Schicksal spielen) und rohe Gewalt.

Manipulation ist friedensstiftend: Neulich fand A, der Kleine, zweimal einen Ring, den ein anderes Kind in der Klappe des Kaugummiautomaten gelassen hatte. Vielleicht kein Schmuckliebhaber? Natürlich würde F, der Große, sofort Anspruch auf einen, wenn nicht auf beide Ringe erheben (mit dem zur Zeit sehr beliebten und unschlagbaren Argument: „Das ist ungefair!“). Da Besitzansprüche zwischen den beiden noch häufig im Nahkampf ausgefochten werden, und der Ausgang dabei durch das Alter schon im vorhinein feststeht, versuche ich durch geschickte Manipulation, die Besitzverhältnisse immer schnell festzulegen, möglichst nach dem Prinzip der Erhaltung des zufällig gerade herrschenden Status Quo. Dieser war in dem Moment in dem F die Existenz der beiden Juwelen bewerkte folgender: A hatte den Ring mit dem Löwenkopf in der Hand. Dieser war der neuere Fund. Der Ring mit dem blauen Stein lag irgendwo in der Nähe. Der Konflikt stand schon fast im Raum: F würde sicher den neueren Ring für sich beanspruchen, denn 1.: Löwenkopf, 2.: gerade in der Hand des Bruders, das heißt aktuell hochinteressant. Der Kampf konnte nur nich durch eine sofortige Manipulationsintervention abgewendet werden, und so verpasste ich dem Ring mit dem blauen Stein schnell magische Eigenschaften: „Der blaue Ring kann zaubern.“ – „Was kann der denn zaubern?“ – „Das weiß ich nicht, das musst du selbst herausfinden.“. Es folgte eine kurze Pause, in der F den Ring in die Sonne hielt. „Mama guck mal, ich habe gezaubert, der Ring kann leuchten!“
Die Besitzverhältnisse sind damit für die Zukunft so klar festgesetzt wie mit einem schriftlichen Vertrag: der Löwenring gehört A, der Zauberring gehört F, und „mein“ und „dein“ sind beinahe physische Eigenschaften der Gegenstände.

Manipulation erhöht das Durchhaltevermögen: Alle Kinder können dauernd nicht mehr laufen. A sagt „Mama Arm!“, weil er ein bisschen schlechte Laune hat. Ich habe keine Lust, das Fahrzeug zu sein und lenke ihn ab: „Willst du mal der Oma sagen, dass die Feigen Iiih sind?“ A rennt vor zum Ziel, ohne ein Fahrzeug zu brauchen. Ablenkungsmanöver erfolgreich abgeschlossen.
Gut funktioniert auch die Kette, die ich trage, und die bei Bedarf „mit Mamakraft aufgeladen“ F umgehängt wird, wenn er nicht mehr kann. Kurz hilft es.

Im nächsten Kapitel lernen wir, Erwachsene zu manipulieren.

Für diesen Artikel habe ich natürlich auch eine Manipulation vorgenommen. Ich berichte von ganz normalen Interaktionen unter dem moralisch negativ besetzten Titel der Manipulation, und fasse damit den Begriff so weit, dass er nicht mehr die Bedeutung hat, die er normalerweise landläufig hat, also etwa in dieser Weise:
Jede Kommunikation beinhaltet die Aufforderung zu einer mehr oder weniger bestimmten Reaktion. Zum Beispiel fordert eine Frage dazu auf, eine Antwort zu geben, während derselbe Inhalt als Aussage ausgedrückt dazu auffordert, keine Antwort zu geben. Man kann also nicht kommunizieren, ohne zu manipulieren. Und da man nach Watzlawick nicht nicht kommunizieren kann, stehen wir also ständig in einem ungebrochenen Strom sich kreuzender Manipulationsströme.
Man könnte daraus den Schluss ziehen, ich wolle sagen, dass wir alle ständig ganz böse und hinterhältig sind. Aber so pauschal pessimistisch bin ich ja gar nicht. Im Bezug auf meine Kinder bin ich zum Beispiel eher gut und hinterhältig. Ich habe gewisse Erfahrungen darüber gesammelt, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren, und versuche, die Situationen so einzurichten, dass die Reaktionen häufiger auftreten, die ich bevorzuge (glückliche Kinder, kein Streit, weniger Rumgeschleppe). Je älter die Kinder werden, desto mehr unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten haben sie, und dementsprechend komplizierter wird natürlich auch das Manipulieren.

Bei Erwachsenen, vor allem, wenn ich sie nicht so gut kenne, kann ich die Reaktionen natürlich nicht so gut voraussehen. Ich werde also als Recherche für den angekündigten nächsten Artikel eine Versuchsreihe starten, indem ich die Interaktionen mit allen Erwachsenen, die ich in den nächsten Wochen habe, auf ihre Reaktionen teste. Die Ergebnisse werden in einer streng geheimen Exceltabelle festgehalten und nach hochwissenschaftlichen Kriterien ausgewertet. Seid gewarnt! Niemand ist mehr davor sicher, ungefragt und unwissentlich Teil meines teuflischen sozialen Experiments zu sein!

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