Was abfällt

Mit der Farbe in Kleidung und Mobiliar war auch das Pathos zurückgekommen.
Er erinnerte sich an seine Schul- und Studienjahre, in denen sowohl bunte Kleidung, als auch jede Äußerung, die nicht von vorneherein differenziert, qualifiziert und mit ironischer Distanz vorgetragen wurde sofort dem Abgrund der Lächerlichkeit übergeben worden war. Zwar fand er die Farblosigkeit, an die er sich erinnerte, nicht immer wieder auf den alten Fotos, aber irgendetwas war doch anders.
Irgendetwas war auf jeden Fall anders geworden im Gebrauch von Distanziertheit und Ironie. Vielleicht hatten sie so sehr alles durchtränkt, dass das Pathos selbst von ihnen durchdrungen war, nein, eigentlich war es doch umgekehrt: Ironie und Distanziertheit waren nun selbst der Inbegriff des Pathetischen geworden.
Ungeduldig blätterte er in dem Magazin in seiner Hand, langweilige Späße überfliegend, nach den Artikeln suchend in einem Blatt, dass sich in seiner Inhaltsleere kaum noch von einer Werbebroschüre unterschied. Sieben Seiten mit immer denselben gesichtslosen Frauenfiguren, die mit den Federkleidern der nicht mehr ganz aktuellen Saison behängt waren. Man fand sie kaum zwischen den bunten Blasen aus neuartigem Material, die die Gestalten unter sich verformten und verbogen. Bunte Krähen, mit dem gleichen misstrauischen Blick wie die schwarzen Krähen, die auf seinem Heimweg den Inhalt der Mülleimer über die Wiesen verteilten.
Wir leben längst in der Zukunft, dachte er, und korrigierte sich gleich selbst, auch er ein Kind seiner Zeit, mit irgendeiner klugen ironischen Bemerkung, die seinem Gedanken widersprach.
Ist es, weil die ungespiegelte Wahrheit so langweilig und banal ist? Oder weil die ungespiegelte Wahrheit viel zu komplex ist? Oder zu deprimierend?
Der Zug fuhr ein und er legte das Magazin zurück auf den Sitz aus Drahtgitter, nicht sicher, ob er dem nächsten gelangweilten Wartenden einen Gefallen tat, ob er den nächsten Wartenden einen so dummen Blödsinn lieber ersparen sollte, oder ob er sich einfach einer weiteren kleinen Umweltverschmutzung schuldig machte.
Müll, alles ist früher oder später nur Müll.
Als sich die Türen öffneten dauerte es einen Moment, bis die dicht gedrängten Fahrgäste gerade so viel Platz machten, dass er sich hinter die Lichtschranke stellen konnte. Wieder bemerkte er genau dieselben feindseligen Blicke, die anscheinend das Einzige waren, das die Natur, die Kultur und der Alltag für ihn übrig hatten. Kurz überlegte er, den Zug abfahren zu lassen und auf den nächsten zu warten, nur um sich gleich darauf über seinen eigenen Gedanken lustig zu machen. Als ob seine überdrehte Interpretation der Situation die Wirklichkeit widerspiegelte! Er hatte sich wieder selbst zum Zentrum der Welt gemacht, niemand, nicht die Krähen, nicht die Werbemodels, nicht die gelangweilten Pendler hatten tatsächlich ihn angesehen. Jeder starrte aus seinem eigenen Zentrum des Universums, und niemand sah dabei all die anderen Zentren der Welt an – müsste man doch sofort daran zweifeln, tatsächlich das Zentrum der Welt zu sein. Darum starrte dann letztlich jeder alleine ins Nichts.
Da war es wieder, das Pathos! Auch wenn er – von seinen gehässigen Klassenkameraden gut erzogen – einen solch platten Gedanken niemals ausgesprochen hätte, das Pathos schien sich in seinem Kopf eingenistet zu haben. Er korrigierte sich nicht einmal, irgendwie war ihm die Energie dazu plötzlich abhanden gekommen.
Irgendetwas störte ihn in seiner Müdigkeit. Wtwas an dem vertrauten Bild, zu dem die Menschen zusammenschmolzen verlangte nach seiner Aufmerksamkeit. Er schaute sich um, bemühte sich zumächst um Unauffälligkeit, bis er bemerkte dass alle höflich in Gedanken oder hinter ihren Bildschirmen versunken waren. Dort drüben, laut am Telefon dozierend über die Ungerechtigkeiten, die ihm der heutige Tag angetan hatte, saß jemand, der ihm vage bekannt vorkam. Nachdem er sich für ein paar Sätze in das Telefonat eingehört hatte, fiel es ihm ein. Die Gesichtszüge waren markanter geworden, die allgemeine Verachtung, die man zu Schulzeiten nur hatte erahnen können, hatte sich in der Zwischenzeit fest in die Gesichtszüge eingegraben. Vorsichtig drehte er sich von der schalen Erinnerung weg in die andere Richtung. Er hatte keinerlei Absicht, lautstark erkannt zu werden.
Zwar konnte er sich nicht erinnern, dass gerade dieser Klassenkamerad ihm irgendein konkretes Unrecht angetan hatte, damals. Es war wohl nur die Athmosphäre, in die er sich nicht zurückversetzen mochte. Vielleicht auch die Furcht davor, welche üblen Eigenschaften der andere in seinem Gesicht verkörpert finden mochte. Vielleicht stieß ihn auch nur die Vorstellung ab, die Zukunftsvisionen von damals mit dem tatsächlich Erreichten abzugleichen, und das in der üblichen Art der Angeberei, die alles gewesen war, wozu die Jungs damals in der Lage gewesen waren. Nichts in der Art, wie sein ehemaliger Bekannter sich jetzt bei seinem Gesprächspartner über die Unfähigkeit seiner Kollegen beschwerte wies darauf hin, dass seine Haltung zur Welt sich besonders entwickelt hatte.
Seine Station war erreicht: Die Fahrt war nicht so lang gewesen wie sie sich angefühlt hatte. Ohne sich noch einmal umzusehen, trat er hinaus und hielt nach den Krähen Ausschau. Als es anfing zu regnen, hatte er es geschafft, seine Erinnerung wieder abzuschütteln.

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