Ich suche nach einem Fenster (1)

Der kleine Vorgarten war sicher nicht breiter als anderthalb Meter, eher weniger. Er lag an der Ecke, an der ich die Straße überquerte, wenn ich von meiner Wohnung in Richtung Bahnübergang lief; aber da ich in dem einzigen uninspirierten Stadtviertel hinter dem Hauptbahnhof wohnte, kam ich hier vorbei, egal wo ich hinwollte. Als ich einzog war Winter, und ich schenkte dem Garten anfangs gar keine Beachtung. Ich hielt meine Augen auf das Graubraun des Bodenbelags gesenkt und die Nase zwischen Schal und Kragen vor dem Wind versteckt. Die festgestampfte Erde der Grünstreifen hatte denselben Charakter und dieselbe Farbe wie der brüchige Straßenbelag, durch den sich über die Jahre Löwenzahnblätter und Grashalme gebohrt hatten. Jeden Tag ließ ich den Garten links von mir liegen und ging an seinem Ende über die Fahrbahn auf die Mauer zu, die die Gleise von der Stadt trennte. Ihr folgte ich einige Meter nach rechts bis zu einem Fahrstuhl, der weniger neu roch als er aussah, oder der daneben gelegenen Treppe, die bei nassem Wetter relativ rutschig sein konnte.

Die Betreiber gaben sich durchaus Mühe, die Anlage nicht allzu sehr verkommen zu lassen: Der Aufzug jedenfalls wurde anscheinend regelmäßig gereinigt und gewartet. Das Provinznachtleben arbeitete allerdings mindestens ebenso fleißig daran, unförmige Flecken in originellen Geruchsnoten zu produzieren. Oder vielleicht hätte man einfach den Putztermin auf den Tag nach Neujahr und nicht auf den vor Silvester legen sollen – jedenfalls blieben die Spuren, die noch verrieten, dass der Verursacher das neue Jahr mit etwas zu viel Saurem Apfellikör eingeweiht hatte, noch fast zwei Wochen erhalten.

Genauso unvorhersehbar wie die Sauberkeit war das Funktionieren des Fahrstuhls. Immer wieder musste ich morgens die Treppe benutzen, drückte mich dabei gegen das äußere Treppengeländer um dem Wind ein wenig zu entgehen, nur um am Nachmittag wieder bequem nach unten zu fahren. Dabei hatte ich nie einen Mechaniker oder eine Putzkolonne gesehen; zwar hatte ich zugegeben einen recht regelmäßigen Tagesablauf, aber manchmal schien es tatsächlich, als hätte ich die Arbeiter nur um ein paar Minuten verpasst, und würde sie beim nächsten Mal sicher zufällig antreffen.

Vor allem die älteren Herren konnten sich über das kapriziöse Verhalten des Fahrstuhls ereifern – wahrscheinlich hatten sie mehr Knieprobleme als sie sich anmerken lassen wollten und waren ganz sicher, dass die Maschinen, die ihnen das Leben zu erleichtern hatten, zu Unrecht und absichtlich viel zu lange ihren Dienst verweigerten. Ich spielte mit dem Gedanken, mir ein ähnlich magisches Weltbild zuzulegen, und zu beschließen, die Bahn habe sicher ihren Putz- und Wartungsplan der Brücke streng nach meinem persönlichen Tagesablauf ausgelegt, damit ich nie sicher sein konnte, ob sie nicht doch selbst ein lebendiges Wesen war und manchmal eben nur widerwillig ihren Dienst an mir leistete.

Am anderen Ende stieg ich die Treppe hinunter und bog in die Fußgängerzone ein, wobei ich versuchte so wenig wie möglich von meinem geraden Weg abzuweichen, ohne die Passanten anzurempeln. Sie schienen zu jeder Geschäftsöffnungszeit nichts Besseres zu tun zu haben, als im Zickzack von Schaufenster zu Schaufenster zu laufen. Etwas mehr als sieben Minuten nach Verlassen meiner Wohnung erreichte ich regelmäßig die Stadtverwaltung, ein Gebäude, das wohl verspielt wirken sollte und darum aussah, als habe es überhaupt nur Rückseiten. Sicher hatte es auf dem Architektenmodell elegant und frisch gewirkt, so in Spielzeuggröße und aus der Vogelperspektive betrachtet. In Lebensgröße und nach ein paar Jahrzehnten Benutzung sah der graue Beton nur noch müde aus, und die originellen baulichen Details hatten zur Folge, dass mein Schreibtisch nur in einer genau festgelegten Position, seitlich versetzt zur Fensternische des kleinen Büros Platz hatte. Wenn ich mich ganz nach vorne beugte, etwa um einen heruntergefallenen Klebezettel wieder hinter dem Papierkorb hervor zu angeln, konnte ich fast einen Blick auf den Rathausplatz werfen – aber nur fast, denn die Fensternische des Nachbarbüros und das leicht versetzte nächstuntere Stockwerk verdeckten von hier aus gesehen genau den unteren Teil der gegenüberliegenden Fassade. Wenn ich tatsächlich aus dem Fenster hätte sehen wollen, hätte ich meinen Schreibtisch verschieben müssen – doch dann hätte die Tür sich nicht mehr richtig öffnen lassen. Ich dachte zwar manchmal darüber nach, widmete mich aber dann doch immer lieber der anstehenden Ladung Abrechnungen.

Als gegen Ende eines relativ milden Januars plötzlich die Winterlinge und Schneeglöckchen auf den Grünstreifen auftauchten, konnte man die Gärten vorübergehend wieder deutlicher von den Straßen unterscheiden. Der schmale Vorgarten auf meinem Weg fiel mir aber auch jetzt noch nicht auf, denn Schneeglöckchen wachsen nun wirklich auf jedem Seitenstreifen. Erst als sie wieder im Schlamm versanken, den der Februar zu bieten hatte, begann mich an diesem Grundstück etwas zu irritieren. Denn dieser Garten verschwand nicht wie die anderen wieder im Nichts, um eventuell im April mit ein paar vergessenen Tulpen aufzuwarten. Die Schneeglöckchen und ihre gelben Spätwinterkollegen (warum waren die ersten Blumen des Jahres fast alle klein und gelb?) wurden nahtlos von winzigen weißen und lila Krokussen abgelöst. Irgendeine Kletterpflanze öffnete kurze Zeit später die Blüten und gab wahnsinnig an mit dem ersten Rosa der Saison. Und noch bevor auch nur die Hälfte dieser Blumen abgefallen war mischte sich ein kleiner Busch ein, der bisher so unscheinbar gewesen war, dass ich ihn, hätte ich einen Gedanken an ihn verschwendet, für einen mit Moos bewachsenen Stein gehalten hätte.

Fortsetzung folgt

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