Ich suche nach einem Fenster 2

Einige Wochen lang war ich fest davon überzeugt, dass ich den Garten mit der unsichtbaren Gärtnerin nicht angesehen hatte und wahrscheinlich bereits dabei war, ihn zu vergessen. Gerade hatte ich die bewusste Strecke wieder hinter mich gebracht. Ich fragte mich, ob das kaputte Kellerfenster nur kein Gitter hatte, oder auch keine Fensterscheibe – die Fensterscheiben lagen tiefer als die Gitter und waren vom Gehweg aus schlecht zu erkennen – und wie sich das auf die Heizkosten im Erdgeschoß auswirken mochte. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, die Treppe zu nehmen, ohne vorher nachzusehen, ob der Fahrstuhl sich heute benutzen ließ. Aber der Wind war unangenehm kalt, und so ging ich an der Treppe vorbei und starrte ins Leere, solange der Fahrstuhl brauchte, um den Weg zu mir nach unten zurückzulegen.

Es waren heute kaum Leute unterwegs. Die Brücke war leer, bis auf ein Mädchen, das mir vom anderen Ende aus entgegen kam. Sie hatte keinen Schulrucksack dabei, und ich war mir nicht sicher, ob sie eigentlich schon groß genug war, um so alleine durch die Stadt zu laufen. Möglicherweise war sie nur klein für ihr Alter, ich hatte ohnehin kein Gefühl dafür, wie groß Kinder zu sein hatten, die alleine zielstrebig über Brücken laufen konnten. Jedenfalls schien sie sehr entschlossen, also musste ich mir wohl keine Gedanken machen. Erst recht spät wurde mir klar, dass ich ihr Ziel war: Ich fing an, ihr auszuweichen, wie man es so tut, um dem Gegenüber höflich genug Platz zu lassen, hatte aber damit keinen Erfolg, denn sie stellte sich mir genau in den Weg.

„Guten Tag, einen schönen Tag wünsche ich Ihnen, wie heißen Sie?“ Schon hatte sie meine Hand ergriffen, nahm mein Gemurmel als Antwort und redete weiter auf mich ein „Ich heiße Adelina, und Sie? So ein schöner Tag, nicht wahr?“ – „Ja…“, vielleicht, dachte ich noch, verwirrt davon, wie wenig die Gestalt des kleinen Mädchens und ihr fast unverschämt selbstsicheres Auftreten zusammenpassten. „Bitte, nehmen sie die schöne Blume! Ein Geschenk für Sie! Danke für Ihre Freundlichkeit!“ Sie zog – ich weiß nicht woher – eine Rose hervor, die sie mir direkt vors Gesicht hielt. Es war eine dieser dunkelroten Rosen mit geradem Stiel, ohne Dornen, die genauso aussehen wie die künstlichen Rosen auf dem Jahrmarkt. Diese hier war wohl nicht künstlich, die unteren Blätter waren schon etwas zerdrückt und das äußerste Blütenblatt abgeknickt. Trotzdem sah sie irgendwie unecht aus; mit ihrer tiefroten völlig einheitlichen Farbe und dem fest eingerollten Päckchen Blütenblätter, das eine geschlossene Tasse bildete stand sie im starken Kontrast zu den marmorierten, rosa-weiß gestreiften offenen Blütenkelchen in meinem immerblühenden Vorgarten.

Ich hatte wohl die falsche echte Rose in die Hand genommen, denn ohne mit der Wimper zu zucken hatte das Mädchen in dieser Sekunde seinen Tonfall geändert: „Bitte, ein bisschen Geld, ich habe Hunger, geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, sie sind sehr liebenswürdig! Nur ein paar Euro!“ Sie zog mich am Ärmel, fasste den Rand meiner Tasche an und sprach ununterbrochen weiter. Vergeblich versuchte ich die Blume zurückzugeben, kam aber schließlich an ihr vorbei und lief eilig die Treppe zur Stadt hinunter. Als ich zurückblickte, konnte ich nichts mehr von ihr entdecken. Nur ein paar Männer standen am unteren Ende des Fahrstuhls und starrten mich feindselig an. Ich legte die Blume auf dem Treppenabsatz ab und mischte mich unter die Passanten, die an der Ampel warteten. Als es Grün wurde, drehte ich mich noch einmal nach der Brücke um; auch die Blume war nun von der Treppe verschwunden.

Ich muss jemanden anrufen, beschloss ich, jemanden von der Stadtverwaltung, der dafür zuständig ist. Das Jugendamt, sicher wird sie zum Betteln gezwungen. Jemanden, der sich kümmern kann. Ich war mir zwar nicht mehr ganz sicher, was ganz genau eigentlich passiert war, aber ich musste handeln. Ich würde das Mädchen beschreiben, die bunte und gar nicht kindliche Kleidung, die wie ein Kostüm gewirkt hatte. In meiner Erinnerung wirkte die Begegnung fast weniger real als meine Einbildungen über die unsichtbaren Putz- und Gärtnerkollonnen. Und vor allem die Männer musste ich beschreiben, auch wenn ich sie wirklich nur einen Augenblick lang von Weitem gesehen hatte. Je genauer ich mich zu erinnern versuchte desto verschwommener wurde das Bild von dieser bizarren Situation. Nur die Blume, diese traurige Karikatur einer Rose, stand mir glasklar vor Augen.

Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich mich umso lebhafter an alle Blumen erinnerte, die gerade jetzt, heute, gestern, und sicher auch noch die ganze Woche in dem Vorgarten blühten, den ich seit Wochen zu ignorieren versuchte.

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