Ich suche nach einem Fenster 3

Der Arbeitstag war so weit beendet, dass ich nur noch die unwichtigen Dinge zu erledigen hatte. Mir war das Bild von der falschen echte Rose in meiner Hand nicht aus dem Kopf gegangen: Ich hatte versucht, meine Konzentration auf die Akten zu lenken, aber der Tag war nicht produktiv gewesen. Ich hätte vielleicht tatsächlich irgendeine Telefonnummer von irgendeinem Verantwortlichen anrufen sollen, aber was hätte ich sagen können, wenn ich mich ausschließlich an eine etwas zerdrückte kitschige Rose erinnern konnte? Und wenn ich mir auch nur die Hand des Mädchens dazu vorstellen wollte, kam mir unweigerlich der Gedanke an den Vorgarten, der mich ohne dass es mir aufgefallen wäre überlistet hatte. Wochenlang hatte ich mich mit dem Blick an jedem Ziegelstein, jedem Stück abgeblätterten Putz entlanggehangelt, um ganz sicher zu sein, dass ich nicht einmal aus dem Augenwinkel die Blütenpracht betrachtete. Und trotzdem hatte sich das Bild des Gartens genau in mein Gedächtnis eingebrannt; ich brauchte nur die Augen zu schließen, schon sah ich ihn vor mir: Links der Kamelienbusch, inzwischen nur noch grün, und schräg dahinter das Birnenspalier, dass sich an der Ziegelmauer entlang rankte und der bereits winzige Früchte ansetzte. In der Mitte der kurz vor der Blüte stehende Flieder, dessen Zweige mit der gestreiften Kletterrose umwachsen waren, die den Zaun unter sich schon längst besiegt hatte. Und ganz rechts in der Ecke, gerade außer Reichweite von vorbeilaufenden Kindern und Hunden blühten in drei blauen Blumentöpfen sogar ein paar Erdbeeren.

Gut – wenn sich der Garten nicht ignorieren ließ, würde ich ihn eben ab jetzt ganz genau betrachten. Vielleicht hatte die Gärtnerin ja doch noch ein weiteres Häufchen Unkraut herumliegen lassen. Es hatte schon länger nicht richtig geregnet, vielleicht gab es ja ein paar Gewächse, die halb vertrocknet waren. Oder wenn es auch weiterhin nicht regnete, würde ich früher oder später die Gärtnerin beim Gießen beobachten können. Wenn ich nur genau genug hinsah, musste ich die Illusion brechen können. Der Garten würde sich endlich von dem unwirklich meisterhaften Zauberkunststück, als das er sich präsentierte, in das Produkt einer riesigen akribischen Zeitverschwendung zurück verwandeln, das er eigentlich war.

Meinen Heimweg zögerte ich hinaus. Ich machte noch einige Einkäufe, überlegte, die Gleise durch den Tunnel etwas weiter südlich zu kreuzen, machte mich aber gleich selbst wieder über mich lustig; es war ja völlig irrational, mit den schweren Taschen eine wesentlich längere Strecke zu laufen, nur weil man sich vor Kindern und Blumen fürchtete. ‚Ich werde meinem Personalchef nahelegen, das in meine Akte aufzunehmen‘, mokierte ich mich, ‚Erledigt seine Aufgaben zuverlässig, lässt sich nicht leicht ablenken, aber Angst vor Kindern und Blumen. Zum Dienstjubiläum lieber nur Kinogutschein schenken.‘

Schon von der anderen Straßenseite aus war zu sehen, dass der Fahrstuhl auf der Stadtseite gerade außer Betrieb war. Eine junge Familie mühte sich damit ab, den Kinderwagen die Treppe hinauf zu tragen, die etwas zu steil dafür war – man hatte bei der Planung wohl hier versucht Platz zu sparen, um eine weitere Fahrbahn unterzubringen. Ein Mann mit Krücken hangelte sich am Geländer entlang. Trotzdem ging ich zuerst in die Fahrstuhlecke: um mich zu vergewissern, dass der Fahrstuhl tatsächlich nicht fuhr und vielleicht auch, um abzuwarten, bis die Treppe wieder von Passanten frei war, denen ich vielleicht meine Hilfe hätte anbieten müssen, die aber vielleicht auch gekränkt wären, wenn ich erst fast am Ende ihres Auf- oder Abstiegs versuchte, ungeschickt mit Hand anzulegen. Das Mädchen und die Männer von heute Morgen waren nicht zu sehen. Ein paar Gestalten lungerten zwar am Bahnhof herum, und bei Regen oder Wind hielt sich immer jemand unter dem Vordach der Treppe auf, aber es kam mir nicht wahrscheinlich vor, dass es dieselben Männer waren: ich rechnete doch damit, dass ich sie wenigstens vage wiedererkannt hätte. Es waren Kinder unterwegs, aber alle hatten mindestens ein eindeutig zugehöriges Elternteil dabei, und alle benahmen sich erwartungsgemäß kindlich.

Unter dem Glasdach war es den Tag über warm geworden, die Sonne stand tief und schien fast direkt von vorne in mein Gesicht. Wahrscheinlich hatte ich Kopfschmerzen, denn das Licht störte mich, und nachdem ich kurz etwas zu direkt hingesehen hatte konnte ich minutenlang nur die geblendeten Flecken in meinem Gesichtsfeld richtig betrachten. Ohne großes Interesse daran, meinen Entschluss über den Garten in die Tat umzusetzen, ging ich weiter nach Hause. Den Blumen stand das Abendlicht natürlich ausgezeichnet; wenn ich Kritik üben wollte wäre ohnehin sicher trübes Wetter geeigneter. Aber auch in den folgenden Tagen ließ sich der Zauber des Gartens nicht brechen. Sei es, dass ich damit beschäftigt war, unter einem Regenschauer schnell die überdachte Brücke zu erreichen, sei es, dass ich ungewöhnlich spät aufgestanden war und mich tatsächlich ein bisschen beeilen musste, sei es, dass ich in dem Bemühen, einen Fehler in der Anlage des Gartens zu finden, an einem besonders malerischen Detail hängen blieb – nie gelang mir der neutrale, kontemplative Blick, den ich für nötig erachtete.

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