Des Kaisers neue Deckmäntelchen

Die Sprachphilosophen, von denen ich fast auch mal eine war, haben natürlich auch über die Ironie geschrieben. Sie hat mit Pragmatik zu tun, also das, was Gespräche effizient macht: man sagt normalerweise nichts Überflüssiges, und auch nichts allzuweit Hergeholtes. Die Ironie ist die Art Witz (wenn sie denn ein Witz ist), bei dem die normalen Regeln der Pragmatik verletzt werden. Damit wird eine Irritation beziehungsweise eine Bedeutungsverschiebung ausgelöst. Oft distanziert sich der Sprecher bei einer ironischen Äußerung vom Inhalt dessen, was er sagt: irgendwie ist nicht genau das gemeint, was gesagt wird, und irgendwie ist das allen Zuhörern auch klar (impliziert wird dabei oft: außer denen, die zu blöd dazu sind, Ironie zu verstehen). Die Sprachphilosophen sagen natürlich nicht einfach „irgendwie“, sondern legen elegante spitzfindige Definitionen vor, die möglichst viele verschiedene Fälle von Ironie erklären sollen. Aber das würde hier zu weit führen.

Normale Leute, die keine Sprachphilosophen sind, haben also wie gesagt nur ungefähr eine Vorstellung davon, dass man, wenn man etwas ironisch sagt, es irgendwie nicht so meint; oder vielleicht das Gegenteil von dem meint, was man sagt; und dass alle Zuhörer – oder vielleicht nur alle Eingeweihten – das auch wissen.

Leider eignet sich durch diese vage Vorstellung die Kategorie „Ironie“ sehr gut für Missbrauch und Manipulation. Ich möchte also hier eine Sache mal klären:

Nein, man kann menschenfeindliche Sprüche nicht mit der lahmen Entschuldigung „Es sei doch ironisch gemeint“ vor jeder Kritik feuerfest machen.

Und ich werde euch sagen, warum. Es gibt einige unterschiedliche Spielarten von Ironie. Und nur bei wenigen von ihnen meint der Sprecher wirklich das Gegenteil von dem, was er sagt. Es gibt Spielarten von Ironie, bei denen der Sprecher dem Wortsinn seiner Aussage genau zustimmen würde, denn die Ironie liegt auf einer ganz anderen Ebene.

Ich sehe schon, wir kommen nicht ohne Beispiele aus. Ein paar davon sind so oder so ähnlich bereits bei einigen Sprachphilosophen vorkommen. Wer will, kann gerne die Quellenangaben bekommen.

Beispiel 1: Jemand besorgt für eine Arbeitsgruppe regelmäßig Getränke zu einem sehr günstigen Preis. Beim Bezahlen sagt seine Kollegin: „Ach, das sind ja gesalzene Preise!“

Dabei sagt die Sprecherin tatsächlich das Gegenteil von dem, was sie meint: Die Preise sind nicht außergewöhnlich hoch, sondern außergewöhnlich niedrig. Da diese Tatsache beiden klar ist, und die ironische Ebene wahrscheinlich durch nonverbale Signale verstärkt wird, ist auch beiden klar, was gemeint ist. Dieses Beispiel zeigt übrigens auch, dass Ironie überhaupt nicht aggressiv, feindselig oder verletzend sein muss – hier wird im Gegenteil gerade durch die Ironie eine Freundlichkeit ausgetauscht.

Beispiel 2: A ist ein schrecklich ängstlicher Beifahrer, und sagt ständig Sachen wie „Vorsicht, ein Auto!“, auch wenn die Notwendigkeit dafür aus Sicht der Fahrerin B gar nicht besteht. Heute ist A selbst der Fahrer, und B fährt mit. An einer Kreuzung sieht sie ganz von Weitem ein Auto, und sagt zu A: „Pass auf, ein Auto!“. Auch hier kommen wahrscheinlich Tonfall, Mimik und Gestik als Verstärker der Ironie dazu.

B sagt hier aber nicht das Gegenteil von dem, was sie für wahr hält: Es kommt ja tatsächlich ein Auto. Die Ironie funktioniert wie ein Zitat, mit dem eine Kritik ausgedrückt werden soll. B zitiert A, und übertreibt dabei die Situation (dass A Gefahren sieht, wo gar keine sind), um As Beifahrerverhalten zu kritisieren. Wenn B denselben Satz sagen würde, wenn gar kein Auto da ist, würde die Ironie gar nicht so gut funktionieren, weil die Situation, die B damit vorführen will, nicht richtig vor Augen geführt wird.

Beispiel 3: Mehrere Freunde sitzen auf einem Sofa. C kommt hinzu und sagt mit übertrieben genervtem Habitus: „Mann, macht doch mal Platz da!“

In dem Fall sagt C genau das, was sie meint: sie möchte, dass die anderen genug Platz machen. Sie distanziert sich nur von ihrem Sprechakt, indem sie ihre Aufforderung viel unsympatischer ausdrückt, als sie gemeint ist. Ihre Freunde wissen das, und so nimmt die Übertreibung genau die Spitze, die eine Aufforderung ohne Ironie vielleicht haben würde: C drückt damit aus, dass sie ihrem Freunden keine Befehle erteilen möchte, sie kritisiert also einen gedachten Sprecher, der in einer ähnlichen Situation sofort losschimpfen würde. Die Freunde wissen, dass die scharfe Kritik quasi von einer fiktiven Person kommt, und können ihr Folge leisten, ohne dass sie sich direkt (von C) kritisiert fühlen.

Zumindest die letzten beiden Beispiele kann man so zusammenfassen:
Eine ironische Äußerung benutzt eine Art Zitat, und enthält gleichzeitig eine Kritik an dem gedachten originalen Autor der Äußerung.

So weit, so gut, denkt sich der Menschenfeind, dann kann ich doch ganz prima alles sagen, was ich denke, und falls jemand protestiert, war es nur ironisch gemeint, und ich habe die Äußerung, die ich vorgelegt habe, auch noch schön kritisiert! Und schon legt er los: „Männer können halt nicht Autofahren! Leute über zwei Meter Körpergröße sind immer unpünktlich, das liegt an den Genen! Frühaufsteher putzen sich nie die Zähne, ich weiß das, ich hab mal mit einem zusammen gewohnt…“

Okay, geschenkt, sagen wir, meinetwegen ist das alles ironisch gemeint. Aber das heißt noch lange nicht, dass du die ganzen Vorurteile, die du von dir gibst, nicht trotzdem glaubst. Was genau kritisierst du denn mit diesen Zitaten?
– Kritisierst du Leute, die so dumme Sachen wirklich glauben? (Ich weiß, du hättest gerne, dass wir dir das abnehmen)
– Kritisierst du Leute, die so dumm sind, dass sie solche Sachen öffentlich sagen? (obwohl du die Aussagen selbst eigentlich gar nicht falsch findest?)
– Kritisierst du Leute, die so dumm sind, dass sie ihre Vorurteile nicht viel subtiler und geschickter ausdrücken können, so dass sie sie auch öffentlich unter die Leute bringen können?
– Kritisierst du eigentlich nur die Leute, die sich über solche Sachen aufregen, und willst deine Zuhörer nur ein bisschen ärgern? (betreibst du also eine Art ironischer Provokation?)

Alle Fälle außer dem ersten sind ganz bequem damit vereinbar, dass du wirklich genau davon überzeugt bist, was du so über Frühaufsteher und andere Menschengruppen von dir gibst.

Und das Gemeine ist: Du kannst deine „ironisch gemeinten“ Sprüche erst mal in den Raum stellen, und dann abwarten, ob du dich überhaupt unter das dürftige Deckmäntelchen der Ironie begeben musst, oder ob du nicht sowieso unter Leuten bist, die dir ganz unironisch Beifall spenden. Vielleicht – hoffentlich – wird dir spätestens dann doch mulmig, du hattest es tatsächlich ironisch gemeint und warst dumm genug, nicht damit zu rechnen, dass echte Menschen im echten Leben tatsächlich genauso denken, wie du dir immer nur Karikaturen ausgemalt hast.

Also, lasst uns das edle und praktische Werkzeug der Ironie vor denen retten, die sie benutzen, um die Bosheit und Dummheit aller Beteiligten und Unbeteiligten zu fördern.

Wenn es heißt: „Das war doch nur ironisch gemeint“, kann man fragen, was sie denn tatsächlich meinen. Was genau sie an der „ironischen“ Aussage kritisch finden.
Wenn es heißt: „Das war doch nur ein Witz“, dann war es offensichtlich ein schlechter Witz. Also, wenn ich einen Witz mache, möchte ich Lachen hervorrufen, und nicht betretenes Schweigen.
Wenn es heißt: “ Du verstehst wohl keinen Spaß“, dann sollten wir sie am besten einfach auslachen. Die Art von Spaß verstehen sie dann vielleicht nicht.

Und wenn sie dann Angst vor uns kriegen, um so besser.

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