Ich suche nach einem Fenster 4

An einem Montag im Sommer zeigten sich tatsächlich endlich erste Anzeichen von Trockenheit im immerblühenden Garten. Zwar waren die Ringelblumen, Stockrosen und der Phlox verschwenderisch gut gegossen, aber das kleine Rasenstück, das der unsichtbaren Gärtnerin offenbar nicht so wichtig war, hatte seine grüne Farbe aufgegeben und war endlich auch gelblich-braun. Die Erdbeeren waren aufgegessen, die verblühten Rosen säuberlich abgeschnitten. Der Großteil der Sommerblumen wurde vom Flieder verdeckt, der ohne Blüten langweilig aussah. Zwar war es immer noch nicht zu einem einzigen Tag ganz ohne Blüten gekommen, aber einen so spektakulären Anblick wie im Frühling bot der Garten jetzt längst nicht mehr.

Trotz der Hitze kam mir der Weg zur Stadtverwaltung heute kürzer vor als sonst. Der Wind auf der Brücke verwandelte sich im Hochsommer in ein angenehmes Lüftchen, die Fahrstühle auf beiden Seiten funktionierten einwandfrei und rochen nur leicht unangenehm nach warmem Metall. Auch die Fußgängerzone war leiser als sonst, die Ferienzeit hatte die Schaufensterbummler wohl an andere Orte geführt.

Erst als ich in den Flur einbog, in dem mein Büro lag, riss die Kette positiver Überraschungen ab. Es roch nach Farbe, und der Teppich war auf meiner Seite des Gangs nach oben geklappt. Es habe einen Wasserschaden gegeben, hieß es, zwar seien die Akten glücklicherweise nicht in Mitleidenschaft gezogen worden aber der Teppich sei ruiniert, einige Computer müssten ausgetauscht werden, und wegen der Trocknung seien einige Büros für die nächsten Tage nicht zu benutzen. Ich solle in den zweiten Stock ausweichen, dort sei ein Platz für mich vorbereitet, und an der Anmeldung würde man mir den Schlüssel aushändigen. Kein Problem, dachte ich, mein Büro war mir nicht so sehr ans Herz gewachsen, vielleicht hätte ich ja sogar Glück und bekäme ein Büro mit etwas mehr Ausblick. Ich versuchte noch, die paar persönlichen Sachen aus meinem Büro zu retten – eigentlich handelte es sich dabei nur um zwei alte Postkarten und eine ordentliche Schere, aber der hochgeklappte Teppich blockierte die Tür, und so wichtig waren die Sachen dann auch nicht, dass ich körperliche Anstrengungen dafür unternehmen wollte.

Den Schlüssel erhielt ich problemlos, nachdem ich einige Minuten gewartet hatte, bis Frau Welz mit einem Kaffeebecher in der Hand wieder zu ihrem Tisch am Empfang kam. Ein wenig schwieriger war es, das Ausweichbüro zu finden, denn die unregelmäßige Architektur des Gebäudes wirkte sich nicht nur auf meine Fensternische aus – die Gänge im zweiten Stock waren deutlich anders verteilt als bei uns im Dritten. Ich war wohl schon ein oder zweimal den richtigen Flur entlang gegangen, bevor ich endlich die richtige Tür gefunden hatte.

Ich schaltete das Licht ein: Das Büro war etwas breiter als meins, der Schreibtisch passte hier quer hinein und stand so, dass man bei der Arbeit mit Blick in Richtung Tür saß. Es gab sogar einen Besucherstuhl, der aber in die Ecke geschoben war, als wäre er lange nicht mehr benutzt worden. Kein Wunder, dachte ich, setzte mich und schaltete den Computer ein, der noch eine Generation älter war als mein gewöhnlicher Arbeitscomputer. Denn hier fehlte nicht nur die Aussicht, hier fehlte gleich das ganze Fenster. Nachdem ich mich über fünf Minuten lang damit unterhalten hatte, zu überlegen, ob der Architekt dieser Stadtverwaltung seinen Beruf vielleicht in Schilda gelernt hatte, erschien endlich auf dem Bildschirm die Anmeldemaske, und es stellte sich heraus, dass das Passwort zum Intranet gerätespezifisch war, und ich wohl die IT-Abteilung anrufen musste, um ein neues Passwort für mich generieren zu lassen.

Ich sah mich um, konnte aber auf dem Schreibtisch und in den Schubladen kein Telefon entdecken. Wahrscheinlich war es mit umgezogen, als der letzte Bewohner dieses Büro verlassen hatte. Kurz schloss ich die Augen und überlegte, ob der Tag für mich nun schon angefangen hatte oder vielleicht eher schon fast beendet war, dann stand ich auf und versuchte, einen kürzeren Weg zurück zum Empfang zu finden. Ich ließ Frau Welz für mich bei der IT anrufen, und bekam die Nachricht, dass die Einrichtung eines Passworts etwa zehn Minuten dauern würde. Frau Welz dürfe es ausnahmsweise für mich entgegennehmen, aber nur wenn ich versprach, es sofort zu ändern. Das Telefon solle ich aus meinem alten Büro holen, denn für neue Geräte sei Herr Alghani zuständig, und der sei zur Zeit im Urlaub. Um nicht zehn Minuten lang untätig bei Frau Welz stehenbleiben zu müssen, ging ich in die Cafeteria und holte mit einen Kaffee. Ich wusste nie so recht, worüber ich mit ihr sprechen sollte; sie erzählte gerne irgendwelche Geschichten, die sie erlebt hatte, und die sie für deutlich spannender hielt als ihr Publikum. Auf mehreren sozialen Medien postete sie mindestens zweimal in der Woche ein Foto von ihrem Abendessen, mit Kommentaren über das wunderbare Essen auf ihrem idyllischen Balkon. Ich hatte kein gesteigertes Interesse an ihren Spaghetti Vongole, aber sie nur darum zu blockieren erschien mir nun auch unhöflich.

Den Zettel mit dem neuen Passwort in der Hand stieg ich jetzt schon etwas zielstrebiger die richtige Treppe hinauf, schloss die Tür auf, loggte mich endlich ein und änderte nicht das Passwort. Frau Welz hatte sicher Besseres zu tun (Hummer fotografieren zum Beispiel), als in ein staubiges altes Büro einzubrechen und einem alten Rechner beim Hochfahren zuzusehen. Stattdessen öffnete ich den Posteingang, ignorierte alle mit „wichtig“ markierten Nachrichten und reichte mit sofortiger Wirkung zwei Wochen Urlaub ein. Ohne die Genehmigung abzuwarten, verließ ich das fensterlose Büro und das vermurkste Stadtverwaltungsgebäude schnell und leise, fast als ob ich flüchtete. Ich hatte mich absichtlich nicht nach Frau Welz umgesehen, sondern einfach die Pendeltür so weit aufgedrückt, dass ich gerade hindurchschlüpfen konnte.

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