Ich suche nach einem Fenster 5

Es gab keinen Grund, warum mir jemand hätte folgen oder mich zurückrufen sollen, trotzdem ging ich eilig die Einkaufsstraße hinauf. Ich würde in Urlaub fahren, sicher würde gleich ein Zug abfahren, der mich wegbringen konnte. Auf einmal erschien mir die Hitze doch drückend; es war doch äußerst unvernünftig, erst den ganzen Weg zu meiner Wohnung zurückzulegen, nur um ein paar Dinge einzupacken, wenn ich dann denselben Weg zum Bahnhof gleich wieder zurücklegen musste. Stattdessen bog ich in das nächste große Geschäft ab und kaufte ein paar Dinge, die mir in die Hände fielen: eine Zahnbürste, etwas Kleidung, etwas zu Essen, ein Taschenmesser, ein Feuerzeug, und einen Becher mit Kaffee. Im Weiterlaufen dachte ich darüber nach, dass niemand darauf kommen würde, dass ich vorhatte zu verreisen, wenn ich nur mit einer Einkaufstüte dieselbe Straße entlang lief wie jeden Tag. Dann überlegte ich wieder, warum ich mir Gedanken machte, was andere Leute, die sich überhaupt nicht für mich interessierten, möglicherweise über mich dachten. Erst im zweiten Fahrstuhl, der mich von der Brücke wieder nach unten brachte, bemerkte ich dass ich tatsächlich automatisch meinen täglichen Weg weitergegangen war. Auf dem Boden der Fahrstuhlkabine lag eine Papierserviette, die an einer Ecke mit Joghurtsoße oder Mayonnaise beschmiert war. Ärgerlich sah ich zu der Dönerbude gegenüber, an der sich mittags immer die Schulkinder mit Müll eindeckten, den sie dann großzügig in der Umgebung verteilten. Waren nicht Sommerferien? Waren die Kinder nicht endlich einmal satt, oder zumindest zu Hause? Mit der Papierserviette in der Hand stieg ich aus, mit der vagen Idee im Kopf, sie dem Dönerbudenkoch mitsamt Joghurtsoße zurückzugeben. Ich hatte mir bereits mehrere Versionen dieses Gesprächs ausgemalt, als mir klar wurde, dass der Laden geschlossen war und ich auch schon wieder meinen üblichen Weg fortgesetzt hatte, ohne es zu merken. Ich stand jetzt mit einer schmutzigen Papierserviette in der einen und einer Plastiktüte in der schwitzenden anderen Hand direkt vor dem Paradies der unsichtbaren Gärtnerin, im Schatten des immer noch strotzend grünen Fliederbuschs.

Nach einigem Suchen fand ich im Zug doch noch einen recht angenehmen Platz in einem wenig besetzten Wagen, in dem die Klimaanlage die hitzegeplagte Landschaft draußen wie einen Traum vorbeiziehen ließ. Ich ließ mich in die Polster fallen, legte die Tüte auf dem Sitz neben mir ab und betrachtete das Faltenmuster, das der Griff der Tüte in meine Hand eingegraben hatte. Der zug würde mich nach Norden bringen, vielleicht sogar irgendwo ans Meer, das machte man doch so im Sommer. Zwar schien es mir, als gäbe es zur Zeit kaum genug Menschen, um ein „man macht das so“ definieren zu können, aber das war natürlich nur eine Illusion. Irgendwann kam ein Schaffner vorbei, dem ich die Fahrkarte vorzeigen sollte, und um sie aus der Plastiktüte unter dem abgerissenen Zweig einer Stockrose hervorzukramen legte ich nun endlich auch das neue Feuerzeug aus der rechten Hand vor mir ab. Es hatte eine erstaunlich große Flamme hervorgebracht, als ich es auf die höchste Stufe eingestellt hatte. Auch die Serviette hatte schnell zu Glühen angefangen, Jogurthsoße hin oder her. Ob das kleine Häufchen Unkraut unter dem Flieder tatsächlich auch Feuer gefangen hatte, daran konnte ich mich nicht erinnern, aber wenigstens der Jägerzaun war sicher sehr trocken gewesen, nach diesen Wochen ohne Regen. Der Rasen hatte auch nicht ausgesehen, als ob er unbrennbar saftig wäre.

Kurz stellte ich mir das ganze Paradies unter lodernden Flammen vor, dann wieder war ich sicher, dass die Serviette auf dem Pflaster des Bürgersteigs lächerlich schnell erloschen war, nachdem ich mir die Finger daran verbrannt hatte. An der Seite eines Fingernagels konnte ich die rötliche Stelle noch erkennen, am Ringfinger klebte ein Spritzer der Soße, das Feuerzeug lag vor mir auf dem Tisch und war sicher noch warm. Es musste also wirklich etwas vorgefallen sein, so oder so ähnlich wie meine Erinnerung mir es vorspielte. Sicherlich würde der Vorfall bald in den Lokalnachrichten nachzulesen sein, aber ich widerstand der Versuchung, mich ins WLAN des Zuges einzuloggen. Stattdessen ging ich mir die Hände waschen und sah danach weiter aus dem Fenster durch eine vorbeifliegende Sommerlandschaft hindurch.

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