Ich suche nach einem Fenster 6

Ich war gegen Ende meiner Fahrt in immer kleinere Züge umgestiegen und irgendwann an einer vergessenen Endstation ausgestiegen. Fast war es mehr eine Haltestelle als ein richtiger Bahnhof, die Gleise waren nur halbherzig durch kleine Rasenflächen vom dahinter liegenden Bürgersteig oder Parkplatz abgetrennt. Vor einem Schild mit der Aufschrift „Bei Zugverkehr ist das überqueren der Gleise verboten“ zögerte ich kurz, welche Richtung ich einschlagen sollte, und folgte dann der etwas besser beleuchteten Straße.

Ich wachte am nächsten Morgen in dem kleinen und etwas staubig riechenden Zimmer der einzigen Pension am Ort auf. Das graue gedämpfte Licht, das durchs Fenster fiel war so gleichmäßig wie von einem genau ausgerichteten Scheinwerfer, und es schien überhaupt keine Landschaft dahinter zu existieren. Ich wurde schließlich etwas wacher und erkannte, dass der gesamte Fensterausschnitt von einer Wasserfläche ausgefüllt war. Erst als ich aufstand und mich aus dem Fenster beugte, konnte ich das steile Ufer direkt unter mir sehen.

In den nächsten Tagen lief ich im Ort und am Strand umher, las die wenigen interessanten Bücher in einer kleinen Leihbücherei, die nur in den Ferien und täglich nur eine Stunde lang geöffnet hatte. Sie wurde von einer Oberstufenschülerin betreut, die konzentriert an einem alten Schultisch saß und anscheinend das dickste Buch gefunden hatte, das es hier zu lesen gab. Irgendwann fragte ich sie, es war „Krieg und Frieden“. Im letzten Jahr hatte sie auf diese Weise den „Zauberberg“ gelesen, erzählte sie mir, fand im Nachhinein aber, dass es sich dabei eigentlich nur um einen unverschämt lang ausgewälzten lahmen Witz handelte.

Mit dem ausgeliehenen Buch setzte ich mich nachmittags in die Eisdiele gegenüber, bis es zu kalt wurde uns ich langsam zur Pension zurückschlenderte. Ich überprüfte regelmäßig ein paar kleinere Nachrichtenportale aus Süddeutschland, aber kein Artikel schien von einem passenden Vorfall zu berichten. Vielleicht hatte ich mir diesen überhitzten langen Tag und die Brandstiftung doch nur eingebildet. Jeden Abend nahm ich mir vor, am nächsten Morgen den Zug zurück zu nehmen. Ich schlief ein, bevor die Dunkelheit anbrach, und wachte auf, wenn die hellgraue Wasserflche das Licht wieder an die Zimmerdecke reflektierte. Die Zeit schien stillzustehen, aber der Zug war immer gerade abgefahren, wenn ich den Bahnhof erreichte. Oder ich vergaß überhaupt, rechtzeitig vom Strand zurückzukehren. Offensichtlich war selbst der Wirt der Pension es nicht gewohnt, dass seine Gäste so lange blieben, denn er fragte mich schließlich, ob ich noch länger bleiben wolle. Die Wohnung seiner Schwester stünde leer, seitdem sie nach Berlin gezogen sei, und sie versuche schon lange, sie wieder zu vermieten. Mehr um seiner Hartnäckigkeit zu entgehen als aus wirklichem Interesse folgte ich ihm tatsächlich nach dem Frühstück über die Straße und um die Ecke. Ich hatte nicht vor zu bleiben.

Die Wohnung war eigentlich ein winziges altes Fachwerkhaus, das wie die übrigen alten Häuser im Ortskern halb in der Erde versunken schien, mit dem großen Dach, das fast bis zum Boden reichte. Im Inneren des Hauses war es aber weniger dunkel als ich vermutet hatte. Die Schwester des Wirts hatte wohl fast alle Möbel hiergelassen, mir fiel nicht auf, dass irgendetwas Wesentliches fehlte, und die Miete war lächerlich niedrig. Ohne sicher zu sein, auf was ich mich hier einließ, übersiedelte ich am späten Vormittag meine Plastiktüte in das windschiefe Häuschen, schloss die Tür hinter mir und lauschte der Stille.

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