Ich suche nach einem Fenster 7

Mein Tagesablauf änderte sich kaum durch die neue Wohnung. Ich besuchte weiterhin die kleine Bibliothek, ließ mir von dem Mädchen die neuesten Kapitel erzählen die sie gelesen hatte. Ab und zu versuchte ich über die sehr brüchige Internetverbindung, die ich dort nutzen konnte etwas über den Vorfall zu erfahren, an den ich mich immer weniger erinnern konnte und von dem ich mir inzwischen fast sicher war, dass es nur ein Traum gewesen war. Es gab also keinen Grund, nicht nach Hause zurückzukehren. An den Vormittagen ging ich in einem der beiden Supermärkte einkaufen und kochte in der winzigen Küche meines Häuschens Mittagessen. Es gab sogar einen kleinen Vorgarten mit ein paar Grashalmen und etwas nacktem Erdboden, der vielleicht von einem Tier durchwühlt worden war. Ich hielt es durchaus für möglich, dass hier ab und zu wühlende Tiere vorbeikamen. In einem sonst leeren Schrank hatte ich einen noch praktikablen Koffer gefunden, und ich beschloss, meine Plastiktüte endlich auszurangieren. Als ich sie draußen ausschüttelte, fiel der vertrocknete Stockrosenzweig heraus; ein paar Samen hatten sich aus den Kapseln gelöst und verteilten sich über die aufgerissene Erde. Sie sahen aus wie die Spielchips aus einem Zwergencasino. Vielleicht hatten sie ja Glück und würden wachsen, dachte ich, drückte sie mit der Schuhspitze vorsichtig noch etwas tieder in die Furchen und glättete den Boden wieder.
Ich fand neben alldem wenig Zeit, mich um eventuelle Abfahrtszeiten von Zügen zu kümmern. Schließlich war ich ja erst seit ein paar Tagen hier, und so lange die Renovierungsarbeiten in unserer Stadtverwaltung nicht abgeschlossen waren, würde mich sicher niemand vermissen.

Es musste aber doch schon einige Zeit vergangen sein, denn schließlich sagte mir das Mädchen in der Bibliothek, dass heute der letzte Öffnungstag sei, am Montag finge die Schule wieder an. Das Kulturzentrum würde sein normales Programm wieder aufnehmen, und die Bücher würden morgen abgeholt und in die Stammbücherei in der Kreisstadt zurückgebracht werden. „Sie können ja direkt dorthin fahren, wenn sie etwas zu Lesen brauchen. Außerhalb der Ferien fährt der Bus alle Stunde, das ist eigentlich ganz einfach.“

Tatsächlich sah ich nun öfter den Bus durch den Ort fahren. Ich fuhr eigentlich nicht gerne auf dem Land mit Linienbussen, denn sie schienen eine eigene kleine Welt zu sein, mit Regeln, die ich nicht richtig kannte (durfte man bei der hinteren Tür einsteigen, musste man dem Fahrer sagen, wo man hin wollte, würde ich die Haltestellen im Nirgendwo überhaupt erkennen?), von denen aber alle überzeugt zu sein schienen, dass nur ein Volltrottel sie nicht befolgen würde. Aber da ich nun tatsächlich drohte, mich zu langweilen, und der Bus eines Tages neben mir ankam, als ich gerade an der Haltestelle vorbeiging, stieg ich schließlich doch ein. So lange wir durch Landschaft fuhren, konnten wir ja nicht in der Kreisstadt angekommen sein. ich saß ganz vorne rechts, direkt hinter dem Fahrer, in der Hoffnung, dass sich mir die geheimen Regeln so am schnellsten erschließen würden. Eine ältere Dame, die an der nächsten Station einstieg, fragte den Fahrer, ob dies die richtige Richtung sei, um zur Zahnärztin zu kommen. Nach ein paar kurzen Nachfragen konnte er ihr tatsächlich die gewünschte Antwort geben und sie setzte sich mir gegenüber in die rechte Sitzgruppe.

Wie immer auf dem Land fuhr der Bus verwirrende Strecken über unzählige Kreisverkehre mit merkwürdigen bis netten Kunst- oder Pflanzeninstallationen in der Mitte. Schafe konnte man hier zählen, wenn man wollte. Über die flachen Wiesen hinweg konnte man fast bis an den Horizont die kleinen wolligen Punkte ausmachen. Irgendwann schoben sich immer mehr Häuser vor die Wiesen, aber auch sie wirkten merkwürdig flach und waren den Schafen eigentlich nicht unähnlich. Jedenfalls versuchten sie viel weniger große Stücke des Himmels abzubeißen als die ambitionierten zukünftigen Architekturdenkmäler in meiner Gegend. Irgendwann stieg ich aus, als ich vermutete, im Stadtzentrum angekommen zu sein. Ich hatte Zeit und ging so lange in unbestimmter Richtung durch die Straßen, bis ich mich mehrmals an derselben Stelle wiedergefunden hatte und meine Schuhe begannen, die Wege alleine wiederzufinden. Auf diese Weise fanden sie für mich die Stadtbücherei, als ich eigentlich schon wieder davon Abstand genommen hatte, heute tatsächlich Bücher finden zu wollen. Trotzdem ging ich schließlich durch die große Eingangstür, nicht nur um mich vor dem inzwischen durchdringenden Nieselregen zu schützen sondern auch weil es tatsächlich ein einladendes Gebäude war, in das man sich leicht hineinflüchten konnte. Meine nassen Schuhe wollten wohl nicht gleich den Teppichboden bei den Bücherregalen beschmutzen, jedenfalls blieb ich einige Zeit lang in der Eingangshalle stehen und las die Anzeigen, die sich über die letzten Wochen und Monate auf der großen Pinnwand angesammelt hatten.

Schließlich suchte ich doch ein paar Bücher aus, ging zur Ausleihtheke und ließ mir einen Ausweis machen. Unschlüssig blieb ich am Ausgang stehen, denn der Regen hatte es sich inzwischen draußen richtig gemütlich gemacht. Wieder blieb mein Blick an einer Stellenanzeige der Stadtverwaltung hängen, die sich offenbar in den oberen Stockwerken desselben Gebäudes befand. Die Anzeige sah fast so aus, als sei sie mit einer Schreibmaschine geschrieben, und man wurde aufgefordert, sich „telefonisch oder persönlich“ bei einem Herrn Öser zu melden. Ich hatte selbst in unserer Verwaltung schon einige Stellenanzeigen verfasst, aber mein Chef hätte einen so formlosen Wisch wie diesen hier niemals zur Veröffentlichung durchgehen lassen. Und obwohl ich der Meinung war, dass ich nach dieser Zufallswanderung überhaupt nicht präsentabel sein konnte wollten meine Schuhe offensichtlich diesen gemütlich formlosen Herrn Öser und seine historische Schreibmaschine kennenlernen und gingen fast selbstständig nach rechts die Treppe hinauf.

„Wir wären froh, wenn sich jemand der Sache mal annimmt, aber wir können sicher nicht so viel zahlen wie sie bisher verdienen. Was stellen Sie sich denn vor?“ Ich musste wohl eine passende Antwort gegeben haben, aber eigentlich schaute ich ohne mir selbst zuzuhören an ihm vorbei und über den Schreibtisch hinweg direkt in eine fast gemalt wirkende Landschaft hinein. Eine riesige Hand hatte Felsbrocken großzügig zwischen dem erhöht liegenden Uferweg und dem Wasser ausgestreut. Der Weg zog sich nach rechts eine Anhöhe hinauf und endete in einer Landzunge, die sich in ihrem Lebenslauf sicher ambitioniert als „Steilküste“ bezeichnen würde. Mein Spiegelbild sah mir aus der Fensterscheibe heraus in die Augen. Es war vielleicht die eine oder andere Falte dazugekommen, auch die Nase schien seltsam verrutscht, oder vielleicht größer geworden? Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich in meinem Gesicht zurechtfand und mich wiedererkannte. Eigentlich war es ganz einfach.

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