Autor: spiegelstrichinspiegelschrift

Musik und Erzählen 2

Mein Gesprächspartner mag nur Musik, in der auch gesungen wird, alles andere bezeichnet er als langweilig. Darum interessiert es mich, was für ihn eigentlich der Kern der Musik ist, der Text oder die Musik an sich. Ich frage ihn deshalb, ob er auch Lieder mag, deren Text er nicht gut findet, und umgekehrt, ob ein Lied, dessen Text gut ist, die Musik aber langweilig, ihn auch interessiert.

Zuerst sagt er, ein gutes Lied müsse auch immer einen guten Text haben und umgekehrt. dann überlegt er und berichtigt sich: Manchmal ist die Musik auch gut, obwohl der Text komisch ist. Beides beeinflusst sich gegenseitig.

Natürlich hört er auch Musik, deren Text er nicht versteht. Trotzdem gilt die Vorliebe für Musik mit Text. Woran das wohl liegt? Meine Vermutung ist, dass auch der unverständliche Text noch vermittelt, dass eine Bedeutung vermittelt werden soll. Die Funktion des Liedes als Erzählung bleibt darum erhalten. Die Musik erweitert die Erzählung, so dass auch eine Geschichte, die wir gesprochen nicht verstehen (weil wir die entsprechende Sprache nicht verstehen) interessant anzuhören ist.

Ich selbst bin auch auf reine Instrumentalmusik trainiert, und habe keine Schwierigkeiten, diese durchzuhören. Aber das Erzählverhalten von Musik und Text, und Text in Musik scheint trotzdem an unvermuteten Stellen durch.

Zwei Stücke, die wir in meinem Chor gesungen haben, fand ich lange Zeit unglaublich albern. Ihr Text ist in einer Fantasiesprache geschrieben, und in beiden Fällen klingt es ein bisschen so wie Latein, stellenweise, oder eine andere romanische Sprache, oder eben doch wieder nicht – und ich frage mich: wenn der Autor uns mit dem Text etwas sagen wollte, warum hat er sich dann nicht getraut, das auch zu tun, in irgendeiner richtigen Sprache? Wenn er uns nichts sagen wollte, und nur irgendwelche Laute haben wollte, weil man beim Singen eben zwangsläufig irgendwelche Silben benutzen muss – warum müssen diese Silben dann so nach Sprache klingen? Es gibt da durchaus andere Beispiele, in denen der Text wirklich nur aus Silben besteht, die bestimmte Klang- und Geräuschqualitäten haben. Das war hier nicht der Fall.

Der Versuch, Gesungenes und Gesprochenes zu verstehen, ist nicht einfach so abstellbar. Ich kann sehr gut konzentriert schreiben, wenn ich eine denkfördernde Musik dabei höre (Bachs Inventionen gespielt von Koroliov, zum Beispiel). Ich habe dabei das Gefühl, dass die Musik mein Denken fokussiert, und direkt ins Unterbewusstsein einfließt – ich merke nie, wenn die CD zu Ende gespielt ist. Jede Musik mit Gesang dagegen schmeißt mich nach wenigen Augenblicken aus meiner Konzentration hinaus. Sie mischt sich in meine Gedanken ein, spielt sich in den Vordergrund, nervt, und muss ausgeschaltet werden.

Irgendwo hier stecken Fragen, die mich interessieren. Wie genau sie aussehen, ist mir noch nicht ganz klar.

Was ist das Verständliche in Musik? Was ist das Verständliche in gesungener Musik? Was ist der Mehrwert von gesungener Musik im Vergleich zu gesprochenem Text? Wie ist es im Vergleich mit strukturiertem Text wie Poesie und Erzählung? Gibt es unterschiedliche Typen von Musikhörern, für die der Kern ihres Interesses (was die Musik ausmacht) jeweils etwas anderes ist? Wie viele Typen, und wovon hängt das ab?

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Musik und Erzählen 1

Ist die Schlange immer noch tot?

Die Kinder hatten entdeckt, dass dieses Bilderbuch das A. zu Weihnachten bekommen hatte, Musik machen kann: Jede Seite spielt ein kurzes Stück aus Mozarts Zauberflöte, wenn man auf den entsprechenden Knopf drückt. Und F. wollte jetzt auch so ein Buch haben. Jetzt, das heißt nicht gleich, oder wenn die Geschäfte offen haben, oder wenn ich fertig aufgeräumt habe, sondern jetzt heißt jetzt in dieser Sekunde. Es ist also nur einem meiner Ablenkungsmanöver geschuldet: Die Zauberflöte kann man sich im Internet jederzeit in den verschiedensten Inszenierungen vollständig angucken. Ich dachte, ich schaue mal, was passiert. (mehr …)

Adventskalender 24

Opa und F. haben gleich bei der ersten Gelegenheit zwei Schneemänner gebaut, richtig mit Karottennase und verschiedenen Utensilien; für jedes Kind einen. Einer hat Schaufel und Besen in der Hand, der andere eine Wasserpistole. „Wauwau!“ sagt A. begeistert. F. ärgert sich: „Das ist kein Wauwau, das ist ein Schneemann!“ . Kurz bevor der Streit handgreiflich wird, kann die Oma vermitteln: „Der Schneemann von A. heißt Wauwau.“ Damit sind alle einverstanden. F. möchte gerne A.s Schneemann umschmeißen, aber die Erwachsenen sind dagegen, und Oma und Opa bauen lieber noch einen dritten Schneemann zum umschmeißen. Der bekommt die Kinderschubkarre. Es stellt sich aber heraus, dass der dritte Schneemann zu groß zum umschmeißen ist. Später kommt F. und erzählt, der Fuchs habe den Wauwau umgeschmissen. Der Fuchs sei aber auf keinen Fall er gewesen.

Adventskalender 20

Ich sitze mit F. im Arztzimmer uns wir warten darauf, dass wir drankommen. F: sitzt auf meinem Schoß, schon ausgezogen bis auf die Unterhose, und versichert mir zum vierten oder fünften Mal, dass er aber nicht gepiekst werden will. Dann fragt er nach den verschiedenen Geräten, die im Untersuchungsraum aufgestellt sind. Ein kleiner Mülleimer interessiert ihn, wahrscheinlich werden dort die Sachen eingeworfen, die desinfiziert werden, versuche ich zu erklären. Die Babywaage findet er lustig, er kann sich nicht so richtig vorstellen, dass Babys so klein sind. „Aber der A. passt da nicht drauf!“, sagt er. „Ja“, sage ich, „der kann ja schon Laufen, er kann sich auf eine richtige Waage stellen.“ F. überlegt. „Der A. stellt sich gerne auf die Waage!“ Dann will er noch wissen, ob ein Doktormann oder eine Doktorfrau kommt. Doktorfrauen sind ihm eigentlich lieber, aber der Doktormann, der ihn dann untersucht, ist ganz nett und piekst nicht. Damit, dass er Medizin nehmen soll, ist F. einverstanden.

Adventskalender 19

„Ein Kausesell!“, ruft F. als wir auf dem kleinen Weihnachtsmarkt ankommen, und er will sofort fahren. Es ist ein kleines Kettenkarussell, das haben wir noch nie ausprobiert, aber ich bin ganz froh, dass es kein Feuerwehrauto gibt. So besteht die Hoffnung, dass er irgendwann auch wieder aussteigen will. A. schaut sich die Sache erst mal an, will aber bei der nächsten Runde auch mal fahren. Ich setze ihn in den Sitz und bin nicht ganz sicher, ob er die Fahrt lustig oder gruselig finden wird. A. sitzt mit hochkonzentriertem Gesicht im Kettenkarussell, hält sich an den Seilen fest und schaut ab und zu auf die Lichter in der Mitte, meistens aber stur geradeaus. Als die Fahrt zu Ende ist und ich ihn befreien will, wehrt er sich mit Händen und Füßen. Spaß ist eine ernste Angelegenheit.

Adventskalender 18

A. geht immer mit seiner Oma in den Kinderchor. Dort traut er sich zwar noch nicht, mitzusingen, aber zu Hause schmettert er fröhlich alle Lieder, die er gelernt hat. Diesmal dauert es einen kleinen Moment, bis ich verstehe, was er da singt: „Kreisel den Herrn, Hallo Luja, kreisel den Herrn, Hallo Luja… Mama, nicht lachen! Kreisel den Herrn, Hallo Luja – nicht lachen, Mama!“ Ich entschuldige mich und singe mit. Das Lied eignet sich besonders für die Reifenschaukel auf dem Spielplatz, wo die Kinder sich immer im Kreis drehen lassen.

Adventskalender 17

F. klettert in die große Schublade des Couchtischs und verlangt, ich solle sie ganz zumachen. Er guckt durch das Griffloch und amüsiert sich. A. ist ganz erstaunt und fragt sich, wo sein Bruder ist; dann freut er sich aber auch, sagt „Goko!“ und versucht, durch das Loch F.s Nase zu erwischen. Ich finde das Spiel nur so mittel lustig, weil man die Schublade von innen nicht aufmachen kann, und ich schon Panikattacken und eingeklemmte Finger voraussehe. Aber es passiert erst mal nichts. A. klettert in die andere Schublade, versteht aber nicht, dass man den Kopf einziehen muss, wenn man die Schublade zu haben will. F. verkündet, er sei ein Braten. „Mach mal den Ofen zu, Mama! ich will gebacken werden!“

Adventskalender 16

Wir sind auf einem Tantengeburtstag im Café eines Museums eingeladen. Erfreulicherweise gibt es eine prima ausgestattete Spielkiste, und die Kinder beschäftigen sich ziemlich lange damit, Spielzeuge und Bücher hin- und herzutragen. Die Dinosaurier in den Büchern sind natürlich alle „Wauwaus“ für A.; F. dagegen will sein Buch öffentlich als Rede vortragen, als das Geburtstagskind gerade in einer öffentlichen rede alle Gäste einander vorstellt. Irgendwann entdecken die beiden leider die Brüstung, über die man ins untere Stockwerk des Cafés schauen kann, und fangen an, daran hochzuklettern. Schnelle Kleinkinder, die man alle paar Minuten retten muss, und nette Senioren, die einem umständliche langsame Geschichten erzählen, erfordern eine besondere Art des Multitaskings. Manchmal gelingt es mir fast, wieder an meinem Platz zu sein, bevor die Unterhaltung überhaupt zu einer Unterbrechung gelangt ist. Aber meinen Sport habe ich heute damit schon erledigt.

Adventskalender 15

Wir treffen einen Kindergartenkollegen und dessen Papa auf dem Spielplatz. Ein Glück, u diese Jahreszeit sind meistens eher keine Kinder da, und F. hält nichts von Spielplätzen ohne Kinder. Die beiden graben Löcher im Sandkasten, wir Erwachsenen beschäftigen uns damit, sicherzustellen, dass A. seine Schaufel behalten darf und niemand Sand schmeißt. Irgendwann bringen die beiden großen mit ihren Schaufeln Holzspäne, die unter den Klettergerüsten den Boden abfedern sollen, und schütten sie in ihre Sandlöcher. B.s Papa protestiert, sie sollen den Sand sauber lassen. Ich mische mich nicht ein. „Findest du das spießig, dass ich den Kindern das verbiete?“, fragt mich B.s Papa schließlich. Ich schüttele den Kopf und rede davon, dass der Sandkasten sowieso unter abgefallenem Laub begraben sei. Eigentlich ist einfach meine Eingreifschwelle noch nicht überschritten. Es ist spät am Nachmittag, und mit jeder Minute steigen meine Müdigkeit und das Tobebedürfnis der Kinder: Nach einer gewissen Uhrzeit wird nur noch in Notfällen erzogen, denn Erziehung braucht Geduld auf beiden Seiten.

Adventskalender 14

„Will denn jemand was zum Nachtisch?“ fragt Oma. „Jaa!“, ruft F. mit begeistert aufgerissenen Augen „Schokolade!“ – „Hast du die Schokolade denn gesehen?“ – „Ja, im Regal, in deinem Zimmer.“ F. schaut seine Oma etwas mitleidig von der Seite an und schüttelt den Kopf „Das war kein gutes Versteck.“