Adventskalender 13

A.  nimmt den Kinderkoffer in die Hand und sagt „Tschüß!“ und winkt. Dann geht er los bis zur Tür, die er noch nicht alleine aufmachen kann. Wenn man ihm die Tür aufmacht, geht er kurz raus, und macht dann das Ganze noch mal.

Er sagt sehr gerne „tschüß“, damit kann ich ihn gut austricksen, wenn er eigentlich noch nicht gehen will: Sich verabschieden macht so einen Spaß, dass das Weggehen dann Nebensache wird. Wenn wir uns von Oma und Opa verabschiedet haben, und alle ausgiebig gewinkt haben, spricht er von der Tür noch mal mit mir darüber, und sagt zufrieden: „Sag Tschüß!“ – Sie haben „tschüß“ gesagt!

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Adventskalender 12

Alle wollen mit Pfannkuchen backen; beide Kinder scheiben Hocker und Stühle an die Arbeitsplatte, streiten sich um den besten Platz, versuchen sich gegenseitig wegzudrängen. Ich habe alle Hände voll zu tun, Streit zu schlichten, die Zutaten vor dem runterfallen zu bewahren und vielleicht auch noch das Projekt Pfannkuchen weiterzubringen. „Mama ich bin der Kock. Und wer bist du? Wie hießt der oberste Koch?“ Wir überlegen ein bisschen, und entscheiden dann, dass wir der Chefkoch und  der Sous-Chef sind. Oder Ich bin der Koch und F. ist der Pfannkucher. A. liebt Deckel, und ich tausche in einem günstigen Moment die Zuckerdose gegen eine leere Dose mit Deckel aus. F. findet allerdings, dass er ja schon groß ist und Zucker essen darf, „nur ein bisschen, Mama!“ Wenn der erste Pfannkuchen fertig ist, wird alles entspannter werden, damit lässt A. zumindest sich ablenken. F. ist schon recht geschickt darin, den Teig in die Pfanne zu gießen, aber nicht, wenn er irgendwie abgelenkt wird oder A. auch an die Schüssel will. Ich backe schnell die ersten Pfannkuchen und verfrachte das erste gefräßige Monsterchen an den Tisch. Aber es bleiben zu viele Baustellen. Nachdem ich den Teig in die Pfanne gegeben habe und die Schüssel wieder auf der anderen Seite des Herds abstellen will, weg von den Kinderhänden, verfehle ich die Arbeitsplatte um ein kleines Stück. Wir haben zwei Pfannkuchen, eine kaputte Schüssel und den Küchenfußboden voller Teig. „Oh! Oh!“ ruft A. aufgeregt und zeigt auf das Unglück. „Nicht dahin gehen, du hast keine Schuhe an!“, belehrt ihn sein großer Bruder. Beide sind eigentlich zufrieden mit dem Ergebnis der Aktion.

Adventskalender 11

Im Kindergarten sind viele Kinder, und es beginnen die ersten strategischen Machtkämpfe. „Du bist nicht mein Freund!“ begrüßt F. eines Morgens seinen wichtigsten Spielkameraden. Oder er erzählt mir empört: „Mama, der Antonnio hat gesagt, ich bin ein Baby!“. „Wer ist denn dein Freund?“ frage ich auf einem Spaziergang in einer ruhigen Minute. „Der Ayoub!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ayoub ist der beste Freund aus der Krabbelstube, da gab es noch klare Verhältnisse. Leider ist er nicht mitgewechselt, die beiden sehen sich nur noch selten. „Und im neuen Kindergarten?“ – „Ich wechsel immer meinen Freund. Der Felix, die Emma, der Bernhard, und der Lorin…“ – „Weißt du, man kann mit vielen Leuten befreundet sein. Man muss sich gar nicht entscheiden.“ – „und der Emil…“ Willst du die alle zu deinem Geburtstag einladen?“, frage ich. Das findet F. eine „gute Didee“. Bis zum Geburtstag dauert es aber noch ein Vierteljahr; bis dahin können noch viele Freundschaften kommen und gehen.

Adventskalender 10

Opa macht im Kaminofen das Feuer an. „Euer!“, sagt A. ganz aufgeregt, kommt um die Ecke und zieht mich am Hosenbein, bis ich mit gucken komme. Gewichtig zeigt er auf das Feuer: „Euer!“ Ähnlich faszinierend sind die Kerzen auf dem Adventskranz. Der Gasherd klickt, wenn man ihn anmacht, deshalb schnalzt A. mit der Zunge, wenn er das Feuerzeug haben will. Oder er pustet, um anzuzeigen, dass er die Kerze angemacht haben will, lässt sich hochheben und versucht erstaunlich hartnäckig, die Flamme auszupusten. Manchmal schafft er es sogar zufällig, und nach will er nochmal. Da F. auch gerne Kerzen auspustet, dauert das Spiel so lange, bis der beteiligte Erwachsene keine Lust mehr hat. Weihnachten wird noch spannend.

Adventskalender 9

Es muss ein Märchenwald gewesen sein, in dem wir im Herbst spazieren waren. F. wollte wandern, hatte schon Tage vorher sein Rucksäckchen gepackt, und am Wochenende gingen wir los, F., ich, Oma und Opa. Ein Wald, in dem ein dreijähriges Kind ohne sich ein einziges Mal zu beklagen zwei Stunden herumläuft; ein Wald, in dem einem Polen mit riesigen Körben voller riesiger Steinpilze entgegenkommen. Ein Wald, in dem wir nicht nur Pilze fanden, sondern auch drei blaue Murmeln. Ein paar Tage später waren die Murmeln bereits in irgendeiner Sofaritze verschwunden. Ob sie von dort aus den Weg in den Wald zurückfinden? Eigentlich müsste das Haus wegrollen, es liegt inzwischen auf einem ganzen Kugellager aus Murmeln. Zum Glück stopfen ebenso viele Kindersocken die Zwischenräume aus, so sind wir gut gepolstert.

Adventskalender 8

Im Supermarkt kommt man als erstes durch die Obst- und Gemüseabteilung, aber ich bin schon ganz gut darin, mich heimlich daran vorbei zu schleichen. A. darf die Bananen nicht sehen, sonst wird der Einkauf zwar objektiv kürzer, aber gefühlt zehnmal so lang. „Nana! Nana!“ ruft er, und legt das ganze Elend seines jungen Lebens in diesen Ausruf. Der Supermarkt ist das Schlaraffenland des Tantalus, und das beginnt nicht erst im Alter von F., in denen die Eltern erst so richtig mit der Nase darauf gestoßen werden, wie lange vor Weihnachten die ersten Schokoladennikoläuse verkauft werden. Nimmt man das Osterangebot dazu, kommt man ungefähr auf sechs Monate im Jahr, in denen die Quengelware nicht nur an der Kasse sondern auf der Gesamten Einkaufsstrecke aufgebaut ist. Wenn es gut läuft, habe ich es also in die Kassenschlange geschafft, ohne das F. sich zwischen den Regalen versteckt und in einen Nikolaus gebissen hat, A. den ganzen Einkauf über nach seiner Nana weint oder irgendein Comicheft mit Plastikspielzeug mir wieder meine ganzen Überredungskünste abverlangt. Spätestens hier muss ich aber die Bananen auf das Laufband legen (denn wir brauchen immer Bananen, aus naheliegenden Gründen), und A. fängt an zu weinen. „Wir müssen die Sachen erst bezahlen, dann kriegst du gleich eine“ erkläre ich, aber eigentlich eher für die umstehenden Erwachsenen, A. interessieren die Spielregeln des Kapitalismus noch herzlich wenig. Sobald die Bananen eingescannt sind, noch vor dem Bezahlen, bekommt er eine, die ich auch sofort aufmachen muss, ein Stück für jede Hand abbrechen, und dafür sorgen, dass F. nicht die Schranke ausklappt, die anzeigt, dass die Kasse geschlossen ist. Dann muss nämlich die Kassiererin herauskommen und wieder aufschließen. Dann liegt nur noch der Kaffeeautomat auf dem Weg nach draußen, wo die kleinen Döschen mit Kondensmilch liegen, die F. blitzschnell aufmachen und austrinken kann, zwei drei, bis ich mich mit dem Kinderwagen zu ihm manövriert habe. Einkaufen ist ein Abenteuerspielplatz.

Adventskalender 7

Die Kinderturngruppe macht eine kleine Weihnachtsfeier in der Kneipe des Turnvereins. Nach einer Weile entdecken ein Vater und einer der mitgebrachten älteren Geschwister den Kicker, der in einer Nische spielt. F. ist sehr interessiert und will sofort mitspielen, traut sich aber nicht richtig, zu fragen. Wir nähern uns vorsichtig und F. wird von dem Vater sofort eingeladen. Erst beim dritten Mal traut er sich, zu antworten und seinen Namen zu sagen; aber dann ist das Eis gebrochen, ein Stuhl wird angeschleppt und F. bekommt die Stange mit den Stürmern. A. sieht uns von Weitem und fängt sofort an, zielstrebig und ausdauernd seinen Stuhl (der um einiges größer ist als er selbst) zu uns zu schieben. Schließlich stehen sechs bis acht Kinder zwischen eins und vielleicht acht Jahren, und einige zugehörige Eltern um den Kicker herum. Tischfußball ist auch ein Mannschaftssport. Alle Tore, auch die Eigentore, lösen große Begeisterung aus, es gibt einiges Handspiel und den einen oder anderen Versuch, selbst auf den Tisch zu klettern. Das beste Spiel des Jahres, keine Frage.

Adventskalender 6

A. unterscheidet klar zwischen „Goko“, „Gaka“ und „Gake“. „Goko“ bedeutet „Kuckuck!“, oder auch „Meine Hand hat den Ausgang aus dem Ärmel noch nicht gefunden.“ „Gaka“ bedeutet Kacke, und „Gake“ bedeutet Danke. Beim Wickeln bin ich abgelenkt und achte nicht auf diese feinen aber wichtigen Bedeutungsunterschiede. „Gake!“, sagt A., als ich ihm die Windel aufmache. „Ja, du hast Kacke gemacht“, sage ich. „Gake!“, sagt er wieder, und mehrmals wiederholen wir uns beide bis er schließlich seine Aussage ändert: „Dake!“ – „Ach so, Danke, sagst du! Ja, bitteschön.“ Ein sehr höfliches Kind. Erwachsene sind manchmal schwer von Begriff.

Adventskalender 5

Das Anziehen ist ein eigener Programmpunkt. Ziehe ich zuerst meine Jacke und Schuhe an, damit ich jeden, der fertig ist, sofort rauslassen kann? Dann wird mir allerdings zwischendurch so heiß, dass ich schlechte Laune kriege. F. könnte sich eigentlich selbst die Jacke und die neuen „Wasserschuhe“ anziehen, das tut er, wenn andere Leute dabei sind; bei mir lässt er sich lieber anziehen. A. interessiert sich sehr für Schuhe, und bringt mir manchmal meine, damit ich sie schon mal anziehe, oder seine, die aber erst nach dem Regenanzug angezogen werden können. Außerdem möchte er seine Mütze aufbehalten, die aber dauernd runterfällt; dann muss ich sie ihm sofort wieder aufsetzen, sonst ist er unglücklich. F. macht sich einen Spaß daraus, seinem kleinen Bruder die Mütze immer wieder abzunehmen, was das Projekt Anziehen quasi zum Erliegen bringt. Wenn A. als erstes fertig ist, wird er schnell ungeduldig, und ich muss ihn eigentlich schon in den Kinderwagen setzen und dann auch demnächst losfahren, sonst gibt es Protestgeschrei. Wenn F. als erster fertig ist, setzt er sich in den Kinderwagen, was auch wieder Protestgeschrei von A. auslöst. In einem Computerspiel wäre das ein Level, bei dem es um Schnelligkeit geht. Als endlich alle angezogen und draußen sind, schaut der Papa aus dem Fenster. A. will sofort zurück, zum Papa. Ich bringe ihn hoch, muss ihn aber zum Glück nicht wieder ausziehen. Jetzt kann F. doch im Kinderwagen sitzen, ich muss niemanden tragen und wir haben sogar noch mehr Platz für sperrige Einkäufe. Das Computerspiel ist plötzlich deutlich einfacher geworden, mit dem Papa-Joker.

 

Adventskalender 4

Auf dem Weg zum Einkaufen kommen wir an einer besonders bunten Lichterkette vorbei, die quer über die Straße gespannt ist. Auf dem Rückweg unterhält sich F. mit ihr: „Hallo Lichterkette! Du bist so bunt. Tschüß, Lichterkette! (leise) Tschüß! (laut) Die Lichterkette hat auch tschüß gesagt.“

Ich verabschiede mich ebenfalls von der Lichterkette und denke darüber nach, dass die Vorstellung von der sprechenden Lichterkette für gar nicht weit von der Wirklichkeit ist. Wir haben ein deutschsprechendes Spieltelefon, eine dänischsprechende Feuerwehr, ein japanischsprechendes Dreiecks…spielzeug…dings, und so viele musik- und sirenengeheulmachende Autos, dass wir ein ganzes Parkplatzkonzert damit veranstalten könnten. Wir Erwachsenen können mit unseren Handxs sprechen, andere Leute wahrscheinlich mit ihren Staubsaugern, und plötzilch bin ich sicher, dass es spätestens in zwei Jahren, wenn nicht jetzt schon, Lichterketten gibt die den Passanten „Fröhliche Weihnachten“ wünschen. Es muss nur jemand auf diese blöde Idee kommen. Diese Lichterkette sagt bis jetzt wenigstens nur das, was wir ihr in den Mund legen.