Versuch einer uninformierten, arg verkürzten und wissenschaftlich nicht ernstzunehmenden Buchkritik

Folge 1 eines Weihnachtsgeschenks

Armin Nassehi: „Die letzte Stunde der Wahrheit – Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft“, kursbuch.edition, 2017

Liebe N,

du musst das Buch nicht lesen. Nach sechs oder sieben Seiten (von etwa 200) bin ich bereits so genervt, dass ich es unbedingt aufschreiben muss, und das obwohl der Autor noch nicht dazu gekommen ist, anzudeuten, was eigentlich sein Punkt ist. Was er sicherlich bestreiten würde. Ich kann einfach nicht vermeiden, dass ich den Text in meinem Kopf in der Stimme einer Parodie dieser Jungs höre, mit denen ich studiert habe. (Irgendwo zwischen Contrapoints und PhilosophyTube, aber ohne die Erkenntnis der eigenen Selbstinszenierung). Ich sage dir, was drinsteht, aber ich kann vielleicht nicht verhindern, dass ich mich mit dieser Parodie beschäftige, und nicht mit dem Inhalt. So wie der Autor gleich am Anfang des ersten Kapitels schreibt, dass er in seinem Text versucht, nicht allzu wissenschaftlich zu klingen, es aber wohl manchmal nicht vermeiden können wird. Wir werden auf diese Aussage übrigens zurückkommen.

Erstens: Das Vorwort. „Ich habe 2015 in der Erstausgabe bereits darüber nachgedacht, aber ich musste sie noch mal völlig überarbeiten!“ Der Autor ist wirklich beeindruckt davon, was für tiefgreifende Erkenntnisse er seitdem hatte. Dabei hatte er damals schon vor, eine völlig neue Denkungsart bereitzustellen, die unsere komplexe Welt endlich entschlüsseln wird. Aber nun! Nun wird es endlich was mit dem Paradigmenwechsel. Ich habe das Bild eines Kommilitonen vor Auge, der – ganz beiläufig – davon sprach, wie er einen als besonders „schwierig“ (das heißt obskur, das heißt beeindruckend) geltenden Text las, im Anschluss gleich noch mal las, und dann gleich noch ein drittes Mal, und jedes Mal habe er noch viel tiefere Erkenntnisse gehabt. Sprich: Wenn mein früheres Ich schon so dumm war, wie dumm sind dann erst alle anderen? Das Vorwort endet mit den Worten: „PS: Die frühere Ausgabe wird vom Verlag nach wie vor vorgehalten.“ Sprich: ‚eigentlich waren meine Gedanken damals – zumindest für das intellektuelle Fußvolk – doch recht eindrucksvoll. Ich könnte mir vorstellen, dass es für einige nötig sein wird, auch diese Ausgabe noch nachzulesen, allein schon um meine Entwicklung nachvollziehen zu können.‘

Mein lieber Autor: Man hätte auch entscheiden können, dass man ein neues Buch schreibt, wenn die Erkenntnisse wirklich so bahnbrechend sind. Viele Autor*innen schreiben mehrere Bücher über das gleiche Thema. Aber nein! Ein Buch, dass es wert ist, als eigenständiges Werk geschrieben zu werden, ist (nach der jahrelangen Lektüre der Höhepunkte der Geistesgeschichte, denen ein durchschnittlicher Philosoph in seiner Ausbildung ausgesetzt ist) ein so beeindruckendes Unterfangen, dass es mindestens einer ganz neuen Gedankenwelt bedarf, um damit anzufangen.

Also gut – lesen wir mal diese Ausgabe, jetzt, wo wir sie nun mal schon in den Händen halten. Ob wir dann das Bedürfnis haben, uns noch mal nach 2015 zurückzubegeben, werden wir ja sehen.

P.S.: Der Titel übrigens! Wie einige unbedarfte Philosophie-Erstsemester jedes Jahr feststellen müssen, bedeutet das Wort „Kritik“ in Kants „Kritik der reinen Vernunft“/“Kritik der praktischen Vernunft“ nicht wie im heutigen normalen Sprachgebrauch „Kritik an der reinen Vernunft“ bedeutet, sondern „Untersuchung darüber, was die reine Vernunft alles kann“. Genauso benutzen das in der Regel andere Philosophen, die sich auf diesen Klassiker beziehen, zum Beispiel Achille Mbembe in seinem Klassiker „Kritik der Schwarzen Vernunft“. Anders hier. „Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft“ ist – so weit ich das bis jetzt absehen kann – kein Plädoyer dafür, dass man eigentlich mit komplexitätsvergessener Vernunft schon ganz schon weit kommt, sondern ganz im Gegenteil. Armin Nassehi müsste das wissen, oder spätestens seine Verleger*innen und Lektor*innen. Haben sie dann gesagt: „Ach, egal, das merkt ja keiner“? Aber von wem wollen sie dann gelesen werden? Besonders uninformierte Leser*innen kommen doch durch keine Seite eines so gewollt intellektuellen Textes.

Jenseits des Kerns: Alina und Josephine*

Alina ist 16 und hat seit langem bei Josephine Klavierunterricht. Josephine unterrichtet zur Zeit nicht, da sie in der Babypause ist. Aber die beiden kommen per Videokonferenz zu diesem Interview zusammen. Sie haben im Lauf der Zeit schon verschiedene begeisterte und stressige Phasen miteinander durchlebt und sind inzwischen mehr füreinander als „nur“ Lehrerin und Schülerin.

Bitte stellt euch gegenseitig kurz vor.

Alina: Josephine ist meine Klavierlehrerin seit fast zehn Jahren. Als ich in der ersten Klasse war haben wir uns kennengelernt.
Josephine: Alina ist eine meiner Lieblingsschülerinnen. Sie hat mit sieben Jahren angefangen ich weiß noch ganz genau, kurz nach dem siebten Geburtstag. Seitdem kennen wir uns.

Wie oft seht ihr euch, und wie verbringt ihr Zeit miteinander?

Josephine: Im Moment sehen wir uns gar nicht! Ich bin gerade in Babypause, und wegen der Corona-Pandemie soll man ja Kontake möglichst vermeiden. In den ersten Jahren haben wir uns sogar zweimal in der Woche gesehen, und in den letzten Jahren einmal pro Woche, plus Konzerte ab und zu.

Wie hat sich eure Beziehung im Lauf der Zeit entwickelt?

Alina: Ich war ja noch ziemlich jung, also ist es schwer, sich an alles genau zu erinnern. Josephine war immer schon meine Klavierlehrerin. Ich glaube, durch sie habe ich immer noch die Begeisterung für das Klavier, und es macht mir immer noch Spaß, was nicht bei allen der Fall ist. Und mit der Zeit lernt man sich halt immer besser kennen und kann dann auch über andere Sachen sprechen als Musik. Auch wenn in meinem Leben generell Sachen passieren, teile ich sie zum Beispiel mit ihr. Meine Familie und sie sind auch so befreundet, da bekommt man vieles voneinander mit.
Josephine: Ja, da hat sie recht, man kennt sich auch. Als Klavierlehrer*in ist man auch nicht nur Träger*in eines Wissensgebiets, sondern es entwickelt sich eine Beziehung – natürlich ist es so, dass mit manchen Schüler*innen die Chemie nicht unbedingt stimmt, aber bei Alina hat es schon sehr viel Spaß gemacht. Irgendwann wollte sie sogar mal jeden Tag zur Musikschule kommen. Ich freue mich sehr darüber, wie sie sich hat begeistern lassen. Dieses Jahr bin ich besonders stolz, weil sie in der Schule jetzt selbst andere unterrichtet und so das weitergibt, was sie von mir gelernt hat. Das ist schon etwas Besonderes. Das Menschliche ist sehr wichtig beim Klavierunterricht.

Was außer Klavier hast du von Josephine gelernt.

Alina: Was ich sehr faszinierend finde ist, wie viele Sprachen sie sprechen kann. Ich glaube, die Musik hilft einfach generell im Leben, ich merke da diese Verbindung. In der Schule habe ich jetzt ein Referat zu dem Thema gehalten, wie das Klavier dabei hilft, Sprachen lernen zu können. Auch den Umgang mit Menschen habe ich wohl zum Teil von ihr gelernt – ich war ja am Anfang noch sehr klein, da habe ich sicher einiges von ihr mitgenommen. Und jetzt benutze ich auch Übungen, die sie mir damals beigebracht hat, wenn ich andere unterrichte – Methoden, die immer funktionieren.

Josephine, was hast du von Alina gelernt?

Josephine: Gute Frage! Eigentlich lernt man ja immer von den anderen. Vielleicht, wie wichtig es ist, die persönliche Beziehung zu pflegen und zu erhalten, unabhängig von der inhaltlichen Unterrichtssituation. Es gab nämlich eine Zeit, in der Alina nicht so viel Lust hatte zu üben, und nicht so begeistert vom Klavierspielen war. Dennoch hat sie nicht aufgegeben, ich bin ihr dann sehr entgegengekommen. Wir sind vielleicht im Unterricht manchmal nicht so viel weitergekommen, aber trotzdem ist sie drangeblieben, und ich habe gelernt, dass man nicht immer den Unterricht in den Vordergrund stellen kann, sondern dass ich akzeptieren muss, dass manchmal etwas anderes wichtiger ist.

Gibt es manchmal Streit oder Konflikte zwischen euch?

Alina: Streiten würde ich nicht sagen. Aber dadurch, dass eben diese Unterrichtsstruktur immer da ist, hat man schon immer diese Verantwortung, dass man eben auch weiterlernen muss, es ist nicht so wie mit anderen Freunden, mit denen man einfach Sachen macht. Das ist das Einzige, was stressig sein kann, wenn man viel zu tun hat. Aber ich würde nicht sagen, dass es unsere Beziehung sehr beeinflusst.
Josephine: Ich würde auch nie von Streit sprechen. Ich kann mich an eine Zeit erinnern – Alina hat das vielleicht anders empfunden – aber das betrifft auch eher den Unterrichtsinhalt; da hatten wir einen kleinen Streit um die Fingernägel. Da wollte Alina auf keinen Fall ihre Fingernägel schneiden, und das war ein Thema. Das ist aber schon lange her.

Und wie ist kommt ihr aus den schwierigen Situationen wieder heraus?

Alina: Ich habe eigentlich jedes Semester eine Phase, in der ich sehr viel zu tun habe, weil ich immer Prüfungen habe. Josephine ist da sehr verständnisvoll – ich erzähle ihr immer, wann das ist und wir versuchen dann eher, im Unterricht zu üben und achten darauf, dass ich schnellere Sachen oder leichtere Sachen zu Hause machen kann, so dass das Lernen entspannter ist.
Josephine: Ja, wenn sie ihre Prüfungsphase hat, dann weiß ich schon Bescheid. Das ist dann eben so, es ist ja auch eine besondere Zeit im Jahr, in der die Prioritäten sind, anders sind, die dann aber auch wieder vorbeigeht. Mir geht es dann vor allem darum, sie darin möglichst stressfrei zu begleiten.

Du hast Alina schon als Kind unterrichtet und jetzt auch als fast Erwachsene. Wie hat sich aus deiner Sicht eure Beziehung dabei entwickelt?

Josephine: Ich habe Alina ja viele Jahre begleitet, durch verschiedene Phasen. Am Anfang war erst mal einfach nur eine Schülerin unter mehreren. Aber je mehr man sich kennt und mehr Zeit miteinander verbringt, desto mehr kommt man sich auch näher. Ich habe dann auch immer mehr von Alinas Leben im Allgemeinen mitbekommen, von der Schule und so weiter, und wie gesagt diese pianistisch gesehen etwas turbulentere Zeit haben wir dann gemeinsam gemeistert. Und es gibt ein gewisses Alter, in dem man sich bewusster für oder gegen gewisse Sachen entscheidet, da hören viele Jugendliche mit dem Klavierunterricht auf – da freut es mich natürlich, dass Alina weiterhin dabei ist. Unsere Beziehung besteht weiter, und ich bin mir sicher, dass wir auch in Kontakt bleiben würden, selbst wenn sie mit dem Klavierunterricht aufhören würde.

Wie stellst du dir Josephine als Kind vor?

Alina: Ehrlich gesagt ähnlich wie jetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie schon damals eine sehr kreative Person war, und sehr motiviert oder begeistert war, sie scheint Lernen sehr zu mögen, oder auch Sachen zu entdecken. Und ich denke dass sie sehr nett und liebevoll war

Und wie stellst du dir Alina als Erwachsene vor?

Josephine: Ich stelle mir eine sehr erfolgreiche hingebungsvolle Frau vor, die genau das macht, was sie sich vorgenommen hat.

Was ist typisch für Josephine?

Alina: Schwierige Frage. Eine Sache fällt mir ein: dass sie wirklich alles gibt: Sie engagiert sich sehr für ihre Schüler*innen, zum Beispiel wollte sie bis zu ihrer Babypause immer noch zu allen Konzerten kommen. Sie ist immer für einen da und hört sehr gut zu, deswegen kann sie sehr gut mit jedem Schüler individuell umgehen. Sie ist auch sehr organisiert.

Was ist typisch für Alina?

Josephine: Da würde ich fast sagen: „Oh, ich habe nicht geübt“ (lacht)… nein, Quatsch. Vielleicht doch die Konstanz, bei einer Sache zu bleiben, die für sie wichtig ist, nicht nur beim Klavier, sondern zum Beispiel auch beim Tennis. Und die Liebe zu den Tieren.
Alina: Ich habe ja im Moment einen anderen Lehrer, und ich merke schon, wie sehr ich daran gewöhnt war, die ganze Zeit die eine Lehrerin haben. Da hatte ich wirklich diese Verbindung aufgebaut, und es ist einfach etwas anderes, wenn man sich mit einem neuen Lehrer erst daran gewöhnen muss. Ich mag Veränderungen nicht immer so gerne. In dieser Zeit habe ich schon gemerkt, wie wichtig Josephine für mich war.
Josephine: Aber ich komme wieder!

*Alle Namen geändert

Gefördert von der Hessischen Kulturstiftung

Jenseits des Kerns: Anna und Birgit*

Wer seid ihr?

Anna: Birgit ist eine Tante väterlicherseits. Ich sollte dazu sagen, dass ich sehr viele Tanten und Onkel habe, aber ich glaube, für meinen Vater war und ist Birgit die wichtigste unter seinen vielen Geschwistern.
Birgit: Anna ist meine Nichte, auf die ich als Baby schon aufgepasst habe. Heute ist sie eine liebe Frau, die leider weit weg wohnt, mit der ich mich aber verbunden fühle und die mir sofort vertraut ist, wenn wir uns gelegentlich sehen.

Wann hast du zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass du etwas zusammen mit Anna als Person gemacht hast, anstatt auf ein Baby aufzupassen?

Birgit: Ich weiß nicht, ob es das erste Mal war; da war sie vier Jahre alt. Anna, meine damals zweijährige Tochter und ich haben für die Hochzeit einer Freundin Blumen zum Streuen für die Kinder besorgt und waren dafür in einem Blumenladen. Wir gingen von da aus direkt zur standesamtlichen Hochzeit. Erst bei der eigentlichen Hochzeitsfeier später am Tag trafen wir Annas Mutter wieder. Anna erzählte ihr, was wir zusammen gemacht hatten: „Blumen kaufen, heiraten.“ Das war schon typisch Anna: heiter, gelassen, überlegt.

Und was ist die früheste Erinnerung die du mit Birgit verbindest?

Ich kann meine Erinnerungen zeitlich nicht mehr so genau einordnen. Ich erinnere mich auf jeden Fall an ihre Weihnachtspakete. Das war immer ein besonderes Gefühl, wenn wir die unterm Weihnachtsbaum ausgepackt haben. Es waren immer selbst gebackene Kekse darin und Geschenke für alle, meist Bücher, die in Seidenpapier mit Band, aber ohne einen einzigen Klebestreifen eingepackt waren. Das hat mich immer tief beeindruckt.

Was ist eine besondere Sache, die ihr zusammen gemacht habt, als du Kind oder Jugendliche warst?

Anna: Das ist definitiv die Reise nach Paris mit einer Freundin von ihr und meiner Cousine. Wir waren vier Tage dort und haben ganz viele Museen besucht.
Birgit: Das war, als Anna 14 war. Wir hausten gemeinsam in einem kleinen Hotelzimmer im Zentrum und machten tagsüber und abends gemeinsam die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten unsicher. Jede hatte ihre Wünsche, was sie sehen wollte, jede kam zu ihrem Recht, wir hatten unglaublich viel Spaß zu viert und haben uns sehr sehr gut verstanden.
Anna: Es war das einzige Mal, dass mir jemand auf so vielen Ebenen eine neue Welt eröffnet hat: Die Reise als solches in ganz ungewohnter Konstellation ganz ohne Eltern, das Reiseziel Paris – meine Eltern hatten mit Frankreich nie viel am Hut – die Bilder des Impressionismus (besonders Renoir hat es mir damals angetan), überhaupt so viel Kultur.
Birgit: Ja, die Renoir-Gemälde im Jeu de Paume! Einen Abend verbrachten wir auch damit, den akrobatischen Rollschuhläufern auf einer für den Autoverkehr gesperrten Brücke neben Notre Dame zuzuschauen.
Anna: Jaaa, stimmt, die hatte ich schon fast vergessen. Die waren so faszinierend! Und wir sind auch in Cafés und Bistros eingekehrt. Ich kam mir auf dieser Reise wahnsinnig groß und ernst genommen vor.

Wie oft habt ihr euch damals gesehen, und wie habt ihr Zeit miteinander verbracht?
Birgit: Da meine Familie und ich in eine andere Stadt zogen, als Anna 5 Jahre alt war, haben wir uns danach nicht so oft gesehen.
Anna: Ein, zweimal im Jahr vielleicht an Feiertagen oder bei Verwandtschaftsbesuchen halt. Entsprechend haben wir dann auch eher Zeit gemeinsam mit den anderen Familienmitgliedern verbracht.
Birgit: Regelmäßig kamen wir am Jahresende, auch um mit vielen anderen alten Freunden Silvester zu feiern. Erwachsene und Kinder spielten bei diesen Gelegenheiten gemeinsam Scharade, ein sehr großer Spaß für alle. Und einmal war Anna ein paar Tage ohne ihre Eltern bei uns zu Besuch,. Wir gingen ins Schwimmbad, machten dort Picknick. Anna konnte schon ganz nett Klavier spielen, und das Stück, das sie damals gerne spielte, habe ich noch heute im Ohr.
Anna: Aber Birgit war auch schon immer eine große Briefeschreiberin. Sie hat mir zum Beispiel während meines Highschool-Jahres in Kanada viele Briefe geschrieben, in denen sie meine Beschreibungen oft durch kleine Zeichnungen aufgegriffen hat.

Und wie ist das heute?

Anna: Heute sehen wir uns leider noch seltener. Obwohl ihre Enkel im selben Alter sind wie meine Jungs. Das Gute ist, dass es bei uns einen sehr starken familiären Zusammenhalt gibt. Selbst, wenn man sich ein paar Jahre nicht trifft, gehört man trotzdem ohne Wenn und Aber dazu und kann ganz schnell wieder anknüpfen.
Birgit: Wir treffen uns gelegentlich bei Familienzusammenkünften, so zum Beispiel vor ein paar Jahren bei der Hochzeit meiner Nichte in Italien, oder wenn wir Besuche in der alten Heimat machen. Dann versuche ich regelmäßig, auch Anna zu besuchen. Dann plaudern wir nur.

Was hast du von Birgit gelernt?

Anna: Puh, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wahrscheinlich die Gewissheit, dass es okay ist, seinen eigenen Weg zu gehen, seine eigenen Talente und Interessen zu suchen und zu finden.

Und was hast du von Anna gelernt?
Birgit: Etwas, worin ich aber immer noch nicht so gut bin wie sie: Klarheit und Gelassenheit. Zum Beispiel bei der erwähnten Hochzeit in Italien, die bis in den frühen Morgen hinein weitergegangen sein soll, war sie es, die irgendwann nach Mitternacht sich freundlich verabschiedete – woraufhin ich mich sofort anschloss, da ich genauso müde war wie sie und deshalb von dem rauschenden Fest nicht mehr viel hatte. Ich selber hatte nicht die Initiative ergriffen, teils aus Angst, unhöflich zu erscheinen, teils weil ich nichts verpassen wollte. Diese gelassene Klarheit von Anna, ihre Grenzen zu definieren, möchte ich gerne auch haben. Genau das hat sie schon immer von allen andern Neffen und Nichten und auch von meinen eigenen Kindern unterschieden. Und so geht sie meiner Beobachtung nach auch mit ihren eigenen Kindern um. Mir gefällt, wie sie ihr Leben zusammen mit ihrem Partner und den Kindern gestaltet: ohne irgendein Brimborium darum zu machen, leben sie so umweltfreundlich, partnerschaftlich und kinderfreundlich wie möglich.

Wie war Birgit im Umgang mit dir als Kind? Was war das besondere an ihr im Gegensatz zu anderen Erwachsenen in deinem Leben?

Anna: Hm, sie hat mich auf jeden Fall immer bedingungslos akzeptiert, mich nie in eine Schublade gesteckt oder ein Urteil über mich gefällt. So würde ich das zumindest heute sehen. Als Kind habe ich da natürlich nicht so drüber nachgedacht. Da fand ich sie bloß erfrischend anders als meine Mutter, da die beiden einfach grundverschiedene Typen sind. Viel selbstbewusster und unangepasster.

Was würde dir ohne Birgit fehlen?

Anna: Schwer zu sagen, denn in meiner Erinnerung war sie ja immer schon da. Ich glaube, dass ich sie kennenlernen durfte, hat mir geholfen, mehr meinen eigenen Weg zu finden. Nicht im Sinne von konkreten Tipps von ihr, sondern als starkes feministisches Vorbild, auch wenn das alles eher unterbewusst gewirkt hat.

Und was würde dir ohne Anna fehlen?

Birgit: Eine angenehme und immer wieder überraschende Gesprächspartnerin, vor allem bei Familienzusammenkünften, wo die vielen Teilnehmer meiner Generation oft in stereotype Verhaltensweisen aus alten Zeiten zurückfallen. Mit anderen Nichten geht es mir bei diesen Gelegenheiten ähnlich. Typisch für Anna ist ein leichter Hang zur Ironie, der mir sehr gefällt.

Was ist typisch für Birgit?

Anna: Dass sie etwas zu 100% durchzieht, wenn sie an etwas glaubt. Sie macht keine halben Sachen, sondern geht kontinuierlich ihren ganz eigenen Weg. Ich bewundere auf jeden Fall ihren Glauben ans Gute und ihre Kraft Dinge einfach anzupacken. Und ihre Offenheit gegenüber allen Menschen, egal aus welchem Kulturkreis. Sie lernt aus reiner Neugier und echtem Interesse andere Sprachen, um auf Menschen zugehen zu können.

*Alle Namen geändert

Gefördert von der Hessischen Kulturstiftung.

Jenseits des Kerns: Pip und Hanno*

nnt ihr euch kurz gegenseitig vorstellen? Wer ist Hanno für dich?

Pip: Einfach ein Onkel.
Hanno: Pip ist mein Neffe und der Sohn meiner Schwester. Pip ist ein kleiner Junge, der total süß ist, und um den ich mich gerne kümmere.

Wie oft seht ihr euch?

Pip: Weiß ich nicht genau. Im Moment nicht so viel wegen Corona. Auf jeden Fall haben wir uns sehr lange nicht gesehen. Uns sonst sehen wir uns eigentlich ziemlich oft, so einmal die Woche oder so.
Hanno: Ja, würde ich auch sagen. Also vor Corona haben wir uns einmal in der Woche gesehen, und jetzt vielleicht noch einmal im Monat. Jetzt zu Weihnachten haben wir uns gesehen.

Und was macht ihr dann so zusammen?

Pip: Na, meistens ein bisschen Lego spielen… Vor den Coronazeiten habe ich oft Fußball gespielt. Jetzt kann man das ja nicht mehr, weil da abgesperrt ist.
Hanno: Ja, Lego spielen wir, Fußball, manchmal zeichnen wir auch was zusammen, oder basteln irgendwas. Also jetzt zum Beispiel müssten wir eigentlich mal diesen großen Holzflieger basteln.
Pip: Ja.
Hanno: Oder wir gehen auch mal gemeinsam spazieren oder haben ein gemeinsames Ziel oder so, zum Beispiel einen Park oder einen Ponyhof. Wir haben auch schon gemeinsam Urlaub gemacht.
Pip: Ponyhof interessiert mich jetzt nicht mehr so sehr, das war eher früher.

Wie hat sich euer Kontakt im Lauf der Zeit schon verändert? Pip, ihr kennt euch ja bestimmt schon dein ganzes Leben lang, oder?

Pip: Naja, ich glaube nicht mein ganzes Leben lang. So ein paar Tage nach der Geburt habe ich ihn kennengelernt, wenn man es genau nimmt.
Hanno: Als Pip noch neugeboren war, habe ich auch oft einfach im Haushalt geholfen. Da haben seine Eltern auch noch nicht in einer WG gewohnt, sondern in einer eigenen Wohnung, also habe ich dann manchmal einfach ganz normale Hausarbeit gemacht, um ihnen zu helfen, einkaufen oder so, was halt gerade notwendig war. Oder ich habe Babysitting gemacht. Das Ziel war dann, den Eltern Zeitfenster zu verschaffen, in denen sie etwas anderes machen können.

Wann hat sich das für dich geändert, so dass es mehr um Pip ging?

Hanno: Na, je nachdem, wie alt Pip dann war. Irgendwann konnte er dann laufen, irgendwann konnte er Stifte halten und Spiele spielen, irgendwann konnte er sprechen, und dann kann man mit den Kindern auch besser spielen.

Was ist eine besondere Sache, die ihr besonders gut miteinander machen könnt?

Pip: Lego spielen. Ich kann das eben mit meinen Eltern nicht, weil die das ungefähr nie mit mir machen.
Hanno: Echt, gar nicht? Ich dachte die haben schon mal mit dir Lego gespielt.
Pip: Nee, meistens auf jeden Fall nicht. Nur ziemlich selten.
Hanno: Manchmal habe ich dich früher auch vom Kindergarten abgeholt, ne?
Pip: Ja.
Hanno: Da hatten wir das als regelmäßigen Termin.

Streitet ihr euch manchmal?

Pip: Ich würde sagen ziemlich selten.
Hanno: würde ich auch sagen, ja, Ich glaube wir haben uns noch nie gestritten. Manchmal muss ich dir nur Sachen Sagen, die du nicht machen sollst, aber das ist eigentlich kein Streiten.

Und musst du auch Hanno manchmal sagen, was er nicht machen soll?

Pip: Naja, eher nicht. Ich sage eher meinem kleinen Bruder, was er nicht machen soll.

Würde euch was fehlen, ohne einander?

Pip: Weiß nicht genau. Wir haben uns einfach aneinander gewöhnt, und ich fände es schade, wenn Hanno jetzt plötzlich in eine andere Stadt ziehen würde. Ich weiß nicht genau, was das verändern würde, aber ich weiß, dass er mir einfach wichtig ist.
Hanno: Ja, das geht mir genauso, also ich würde auch nicht unbedingt in eine andere Stadt ziehen wollen, weil ich dann ja Pip nicht mehr sehen kann, und seinen Bruder auch nicht. Ich will ja wissen, wie Pip größer wird und sich entwickelt. Ich will auch hören, was er so für Geschichten erzählt und mit ihm spielen können – das würde ich alles vermissen, wenn ich ihn nicht mehr hätte. Wenn ich woanders wohnen würde, würde ich ihn vielleicht nur zweimal im Jahr sehen oder so.
Pip: Das wäre blöd.

Wie stellst du dir Hanno als Kind vor? Meinst du, du hättest dann auch gerne mit ihm gespielt?

Pip: Weiß ich nicht.
Hanno: Ich hatte damals noch gar kein Lego! Das habe ich erst später gekriegt. Aber ich habe mit anderen Sachen gebaut.
Pip: Dann hätte ich bestimmt auch nicht mit Lego gespielt.

Wie stellst du dir Pip als Erwachsenen vor?

Hanno: Pip macht ja jetzt schon gerne Sport, also ist er dann vielleicht sportlich, und er zeichnet gerne, also kann er dann vielleicht sehr gut zeichnen. Und außerdem hast du mir mal erzählt, dass du Interesse am Programmieren hast, stimmts?
Pip: Ja, aber ich finde den Programmierlehrer in der Schule einfach doof.
Hanno: Hast du schon mal Programmieren gelernt in der Schule?
Pip: Nein.
Hanno: Na jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass du später mal programmieren kannst, weil ich dir das zeigen kann, oder jemand anders dir das zeigt. Und ich finde du hast ein großes Gerechtigkeitsempfinden, kann das sein?
Pip: Ja.
Hanno: Ich kann mir vorstellen, dass das später auch so ist.

Was mögt ihr besonders aneinander?
Hanno:
Ich finde es gut, dass Pip sich für viele Dinge interessiert. Da hat man nie Langeweile, denn man kann viele verschiedene Dinge miteinander machen. Und er ist einfach süß.
Pip: Ich mag eigentlich an Hanno, dass er sich für Programmieren interessiert, weil ich finde es auch interessant und ich finde es schön, dass ich einen in Verbindung habe, der das selber machen kann. Außerdem kann ich viele Spiele mit ihm spielen. Und ich finde schön, dass ich sehr gerne Lego spiele und er auch. Und er ist ziemlich nett.

*Alle Namen geändert

Gefördert von der Hessischen Kulturstiftung.

Jenseits des Kerns – Lotta und Julia*

Julia ist freiberufliche Hebamme und stolze Patin von 5 Mädchen im Alter von 5 bis 14 Jahren, außerdem zweifache Bonusmutter. Ihr ältestes Patenkind Lotta träumt davon, einmal mit ihrer Zwillingsschwester zusammen in einem Film aufzutreten. Beide mögen Hühner, schreiben gerne Briefe und machen Musik.

Könnt ihr euch kurz gegenseitig vorstellen: Wer seid ihr, und wie habt ihr euch kennengelernt?

Lotta: Julia ist für mich ein (wichtiger) Teil der Familie, auch wenn wir nicht verwandt sind.
Julia: Lotta ist eines der 5 Kinder meiner Freundin Sandra, mit der ich die Ausbildung zur Hebamme überlebt habe. Sandra und ich sind seitdem immer in Kontakt geblieben und Lotta ist ihre 2. Tochter. Vor etwa 6 Jahren wurden alle 5 Kinder getauft und Lotta hat sich mich als eine ihrer zwei Paten selbst ausgewählt. Darauf bin ich ziemlich stolz.

Lotta: Wir haben uns bei der Taufe erst kennengelernt, da habe ich sie auch das erste Mal gesehen. Außer, sie war schon mal da als ich ein Baby war oder so. Ich kannte Julia gar nicht, aber sie war und ist eine gute Freundin von Mama. Erst fand ich das doof, dass ich jemanden als Patentante „bekomme“, die ich gar nicht kenne. Aber jetzt bin ich seeeehr froh dass ich sie habe.
Julia: Haha, okay, das ist witzig! Wir haben uns vorher schon mehrmals gesehen, zum Beispiel, als deine Mama und Papa in Regensburg geheiratet haben. Da waren Emily und Du Kleinkinder, konntet aber schon laufen. Ich habe mit Euch stundenlang gespielt. Zum ersten Mal habe ich von dir erfahren, als du noch im Bauch deiner Mutter warst und etwa um die 30. SSW kam dann die Überraschung: Es wurden sogar Zwillinge! Lotta ist die zuerst Geborene. Kennengelernt habe ich dich als Baby, bei einem meiner Besuche bei deinen Eltern.

Wie oft seht ihr euch?

Lotta: Leider nicht oft, vielleicht so drei mal pro Jahr.
Julia:
Öfter wäre natürlich toll! Aber wir sehen uns mindestens einmal im Jahr, meistens mehrmals, obwohl die Fahrt mehrere Stunden dauert.
Lotta: Meistens in den Ferien, wenn entweder meine Familie zu ihr fährt, oder sie zu uns, sie war auch dieses Jahr auf meiner Konfirmation da.
Julia: Wenn ich es schaffe, komme ich zum Geburtstag im Januar. Wir haben schon in Holland mehrere Tage gemeinsam Urlaub gemacht und die ganze Familie war schon mehrmals bei uns über einige Tage zu Besuch.

Wie verbringt ihr Zeit miteinander?

Lotta: Meistens spielen wir Spiele oder unternehmen was…
Julia: Wir quatschen, spielen Spiele zusammen mit den Geschwistern, gehen mit dem Hund spazieren, machen Radtouren, sitzen beim Essen zusammen, gucken unsere Hühner an. Lotta und ich haben beide Hühner.

Wie hat sich euer Kontakt im Lauf der Zeit geändert?

Lotta: Wir sehen uns jetzt öfter als früher und manchmal sind wir sogar zusammen in Holland.
Julia: Da haben wir mehrere Tage zusammen Urlaub gemacht. Je älter Lotta wird, desto lustiger wird die Kommunikation. Sie schrieb von Anfang an viele Briefe und Postkarten an mich, meistens sind die selbstgestaltet. Neuerdings hat sie auch E-Mail und ein Handy, so können wir WhatsApps und E-Mails schreiben, da bin ich gespannt, wie sich das entwickelt.

Was ist eine besondere Sache, die ihr nur oder am besten miteinander machen könnt?

Lotta: Ich kann mit ihr gut Quatsch machen und lachen. Außerdem schreiben wir uns Briefe.
Julia: Tatsächlich finde ich das Briefe schreiben besonders schön! So viel Post bekomme ich von Niemandem sonst!

Was habt ihr voneinander gelernt?

Julia: Ich zitiere einen Song, den sie mit Emily und Mara, ihren beiden Schwestern, gedichtet hat:
„LIDL lohnt sich nicht und ALDI ist die Pest…“
Lotta: Ich habe von ihr gelernt, dass man auch als Erwachsener noch sehr lustig sein kann.
Julia: Das nehme ich als Kompliment, danke!

Was würde euch ohne einander fehlen?

Julia: Oberflächlich betrachtet: Jede Menge Briefe und kleine Anekdoten, Bildchen, kleine, selbstgedrehte Videos, kleine Mitbringsel aus dem Urlaub (von ihr an mich und umgekehrt).
Etwas tiefer gehend betrachtet: Den Einblick in das Leben eines aufwachsenden Mädchens zu haben, das ein paar seiner spontanen Gedanken und Gefühle mit mir teilt. Das würde mir sehr fehlen. Auch die Tatsache, dass ich zwischendurch immer an sie denken muss, weil mir Kleinigkeiten einfallen, die uns verbinden, zeigt mir, dass sie zu meinem Alltag gehört.
Lotta: Eine gute Brieffreundin, Spaß und die besten Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke.
Julia: Es macht großen Spaß, sich Geschenke auszudenken, besonders, wenn sich so gefreut wird.

Streitet ihr euch manchmal?

Lotta: Wir streiten uns nicht!
Julia: Genau! Und ich bin sicher, dass wir uns wieder vertragen würden, wenn es dazu käme.

Lotta, wie stellst du dir Julia als Kind vor?

Lotta: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht, aber als eine gute Freundin und eine Person, mit der man gut lachen kann und die sich auch was traut.
Julia: Interessante Antwort! Ich war tatsächlich ein sehr schüchternes Kind, das sich zwar viel getraut hat (Klettern, Klavier spielen, allein unterwegs sein, Kochen), aber grundsätzlich war ich sehr zurückhaltend und ruhig. Ein paar meiner Freunde kenne ich, seit wir zusammen im Kindergarten waren, ich hoffe also, dass ich eine gute Freundin bin!

Und Julia, wie stellst du dir Lotta als Erwachsene vor?

Julia: Ich stelle sie mir als lustige, kluge Frau vor, die öfter mal verrückte Einfälle hat. Lotta wird, denke ich, eine aufrichtige, ehrliche und mutige Person sein, die sich traut, für Andere einzustehen und die fest zu ihren Freunden und ihrer Familie hält, und dabei sehr solidarisch ist.

Und was ist jetzt schon typisch für sie?

Julia: Lotta ist spontan, sehr kreativ, auch sehr musikalisch, und sie lacht viel. Besonders mit ihrer Zwillingsschwester Emily teilt sie ihren Humor, der manchmal ganz schön schwarz ist. Das finde ich klasse. Sie steht nicht gerne im Vordergrund, sondern betrachtet eine Situation erst einmal aus sicherer Entfernung. Das heißt aber nicht, dass sie grundsätzlich „schüchtern“ wäre, sie ist nur nicht sofort stürmisch und drängt sich Niemandem auf.

Und was ist typisch für Julia?

Lotta: Freundlichkeit, Humor… Sie ist nett und hilfsbereit.
Julia: Ich mag es sehr gerne, dass Lotta so offen zu mir ist und mir so viele „Kleinigkeiten“ erzählt. Ich finde es wunderschön, wie viele Gedanken sie sich macht, wenn sie mir eine Freude bereiten möchte. Sie weiß ganz genau, was ich gerne mag und überrascht mich immer wieder aufs Neue! Außerdem finde ich es toll, dass sie so tierlieb ist und sich über Dinge wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz Gedanken macht.

Und was magst du an Julia?

Lotta: Dass man mit ihr gut lachen kann, dass sie immer fröhlich ist, eigentlich alles.

*alle Namen geändert

Gefördert von der Hessischen Kulturstiftung

Jenseits des Kerns – Hanna und Katrin*

Wie ich es schon erwartet hatte, stieß ich bei meiner Suche nach Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern jenseits der Kernfamilie zuerst auf gleich zwei Patinnen mit ihren Patentöchtern. Eine Kommentatorin hat das auf linkslebenmitkindern.org bereits sehr treffend formuliert: „Patenschaften sind eine Anerkennung der Einsicht, dass Eltern alleine die Erziehung nicht schaffen können – das Kind wird formal in die Gemeinschaft mitaufgenommen, die Eltern sind nicht mehr alleine verantwortlich.“ Diese Beziehung hat außerdem einen Namen. Auch in einem Alter, in dem das Kind noch keine Vorstellung davon hat, war Patenschaften sind, weiß es schon: Der*die ist „meine*r“. Das gibt der Beziehung von Anfang an einen Status, den alle anerkennen – und damit eine Existenz über Orts- und Zeitveränderungen hinweg. Bei Nachbar*innen oder Eltern der besten Freund*innen besteht vielleicht auch eine persönliche Beziehung zu dem Kind, aber da diese keinen eigenen Namen hat, ist den Beteiligten wahrscheinlich oft nicht klar, dass dies eine Beziehung, ein Auftrag, eine Ressource, ein Teil der eigenen Geschichte ist. Fangen wir also an mit zwei Beispielen, die die Tradition auf ihrer Seite haben, die aber auch als Ansporn verstanden werden können, neue Begriffe und neue Modelle zu entwickeln.

Könnt ihr euch kurz gegenseitig vorstellen?

Hanna: Katrin ist meine Taufpatin. Aber sie ist noch viel mehr für mich, sie ist für mich auch eine Familie, obwohl wir nicht verwandt sind. Und sie ist neben meinen Eltern die erwachsene Ansprechperson, wenn ich Probleme habe. Sie ist eine Person, die ich sehr lieb habe und von der ich weiß, dass sie mich auch sehr lieb hat.
Katrin: Weil Hanna mein Patenkind ist, darf ich Patin sein. Das erfüllt mich immer wieder mit Stolz, Glück und Dankbarkeit, dass ich tatsächlich als Patin ausgesucht wurde.

Wann und wie habt ihr euch kennengelernt?

Hanna: Wir uns kennengelernt als ich noch ein Baby war, aber eigentlich schon vorher, weil Katrin den Bauch meiner Mutter angemalt hat, als sie mit mir schwanger war. Eine Erinnerung an die ersten Male, in denen wir uns gesehen haben, habe ich nicht. Aber eine der ersten war, als wir im Wohnzimmer bei mir auf dem Boden saßen und auf meinem Xylophon sehr laut gespielt haben. Als ich meine Mutter danach gefragt habe, meinte sie, dass Katrin und ich auch sehr laut gesungen haben, aber das weiß ich nicht mehr.
Katrin: Ich weiß, dass ich im Zug saß und von Hannas Papa erfahren habe, dass Jakob nun endlich auf der Welt ist und dass Jakob nun doch eine Hanna geworden ist. Ich meine, ich habe Hanna das erste Mal als Neugeborenes zu einem leider sehr traurigen Anlass, nämlich zur Beerdigung ihrer Oma, gleich wenige Tage nach ihrer Geburt gesehen und im Arm gehalten. Sowohl diese Situation als auch das Telefonat habe ich sehr klar vor Augen.

Wie oft seht ihr euch?

Katrin: Ich schätze mal alle 8 bis 10 Wochen.
Hanna: Vielleicht so 5 Mal im Jahr. Aber diesen Sommer haben wir uns lange gesehen, weil wir zusammen Zelten waren.

Wie verbringt ihr Zeit miteinander?

Katrin: Eigentlich viel zu wenig. Immer wenn ich Hanna besuche, besuche ich auch ihrer Mama, eine meiner besten und engsten Freundinnen. Hanna ist dann meisten die erste Zeit dabei und nimmt einfach an der Unterhaltung teil. Das ist sehr einfach, schön und ungezwungen. Irgendwann verzieht sie sich dann in ihr Zimmer.
Hanna: Wir sitzen zusammen und quatschen oder jetzt noch ganz aktuell waren wir im August zusammen Zelten.
Katrin: Das war ein total schönes Erlebnis! Hanna war mit meiner Familie, ein paar Freunden und ihrer Freundin ein paar Tage beim Zelten. Ohne viel Planung im Voraus waren es ganz unkomplizierte Tage. Hanna war einfach da. Ich weiß nicht wie es sagen soll, aber ohne das Gefühl zu haben, ihr etwas bieten zu müssen oder sie bei Laune zu halten, haben wir schöne Tage zusammen verbracht.
Hanna: Vor etwa 2 Jahren war ich mit ihr und ihrer Familie im Europapark, das war auch sehr schön.

Wie hat sich euer Kontakt im Lauf der Zeit entwickelt?

Hanna: Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und daran hat sich auch nie etwas geändert. Früher haben wir zusammen gespielt, jetzt reden wir miteinander und sie weiß auch Bescheid, wenn irgendwas bei mir nicht so läuft.
Katrin: Hanna weiß auch bei mir von manchen Dingen, die in meinem Leben nicht ganz rund laufen. Ich glaube, dass sie weiß, dass sie mir vertrauen kann. Ich würde sagen, unser Verhältnis war schon immer völlig ungezwungen und die Zeit beim Zelten hat das auf ganzer Linie bestätigt. Aber sie ist mittlerweile fast schon ein bisschen erwachsen. Sie stellt mir zum Beispiel Erwachsenen-Fragen und ich antworte ihr darauf auch größtenteils wie ich einem Erwachsenem antworten würde.

Was ist eine besondere Sache, die ihr nur oder besonders gut miteinander machen könnt?

Hanna: Besonders gut campen, weil ich weiß nicht, ob das so gut mit anderen Erwachsenen klappt.
Katrin: Ich habe spontan eine ganz konkrete Sache im Kopf und weiß nicht so recht wie es sie beschreiben soll. Hanna agiert und redet anders als ich. Klar, da gibt es ja auch einen Altersunterschied von 32 Jahren! Wenn Hanna aber in ihrer Sprache, in ihrer Ausdrucksweise spricht, einen Witz macht oder auch mal lästert, kann ich einsteigen, ohne, wie soll ich sagen, völlig aus der Erwachsenenrolle auszusteigen und ohne mich völlig in die Teenagerrolle hinein zu begeben.

Hanna, Was hast du von Katrin gelernt?

Hanna: Dass man auch zurück hauen darf!

Und was hast du von Hanna gelernt?

Katrin: Auch wenn es Dinge in Hannas Leben gibt, die sie verunsichern, ist sie ein Mädchen, das ihren Mund aufmacht, das selbstbewusst ist. Hanna diskutiert, hält mit ihrer Meinung dagegen, wenn sie eine andere Meinung hat. Das ist wichtig. Immer und in jedem Alter – auch in meinem. Hanna erinnert mich mit ihrer Art immer mal wieder daran.

Was würde euch ohne einander fehlen?

Katrin: Na, mein Patenkind!
Hanna: Ohne Katrin würde mir eine Person fehlen, die ich schon immer kenne und die einer der vertrautesten Menschen für mich ist.
Katrin: Und mir würde ein Mädchen fehlen, das immer, wenn wir uns sehen, mich strahlend begrüßt, mir um den Hals fällt, mich fest in den Arm nimmt und mir ein echtes „Ich freu‘ mich so sehr, dass du da bist“-Gefühl vermittelt.

Was ist manchmal schwierig oder blöd zwischen euch?

Hanna: Weiß ich nicht…
Katrin: Nichts, außer der Entfernung. Ich stelle mir vor, Hanna könnte manchmal mit dem Rad zu mir fahren. Dann könnten wir ab und zu mal einen Tee, eine Limo oder manchmal sogar im Sommer ein Radler (oder was die jungen Leute halt so mögen) zusammen trinken.

Wie stellst du dir Katrin als Kind vor?

Hanna: Ich denke, Katrin war als Kind schon sehr hilfsbereit. Ich weiß, dass sie sehr viel Verantwortung übernehmen musste, und ich denke, dass sie das wirklich gut gemacht hat. Ich weiß auch, dass sie eine gute Freundin war, weil sie da schon die beste Freundin meiner Mutter war.

Und wie stellst du dir Hanna als Erwachsene vor?

Katrin: Sportlich in Jeans, Pulli und Sneakers. Ein bisschen frech und sehr lebenslustig. Sehr natürlich und sich nicht um irgendwelche unsinnigen Regeln kümmernd. Mutig und gerade heraus.

Was sagen andere über eure Beziehung?

Katrin: Ich muss erneut auf die Zeit beim Zelten zurück kommen. Kurz darauf hat tatsächlich ein Freund, der mit dabei war, unserer Beziehung zueinander erwähnt: „Ihr wart so vertraut und herzlich in eurem Umgang miteinander, so als ob ihr auch im Alltag ständig in engem Kontakt steht und es die räumliche Trennung eigentlich gar nicht gibt.“ Das macht mich sehr stolz auf mich und auf Hanna.

Was ist typisch für Katrin?

Hanna: Dass sie sehr emotional ist. Dass sie mir immer sagt, dass ich das beste Patenkind bin, obwohl sie nur eins hat – und sie meint es auch so. Und dass sie andere so sehr wertschätzt – sie ist so klug und lässt das nie raushängen. Ich mag, dass ich mich auf sie verlassen kann und dass wir gut miteinander reden können. Sie interessiert sich ernsthaft für mein Leben und hört mir zu. Ich mag auch, dass sie mir das Gefühl gibt und mir auch sagt, dass sie mich lieb hat.

Und was magst du an Hanna?

Katrin: Genau das, was so typisch an ihr ist. Hanna ist ehrlich und natürlich. Auch wenn das sicherlich nicht immer so ist, schert sie sie doch die meiste Zeit recht wenig darum, was andere von ihr denken. Sie nimmt mich manchmal auf den Arm, ohne dass es respektlos ist und ohne dass ich ihr böse bin. Und sie ist lustig. Ich stelle mir vor wie sie ihre Freunde um sich schart. Wie es damals vor 40 Jahren schon ihre Mama getan hat. Und noch etwas muss ich sagen: Dass ich als Patin ausgesucht wurde, ist die eine Sache. Allein das ist schon echt was Großes. Dass mein Patenkind aber so ist, wie es ist, und dass unsere Beziehung so ist wie sie ist, ist eine ganz andere. Eine Sache, zu der nicht nur Hanna und ich, sondern auch ihre Familie beigetragen hat. Eine Sache, die mein Leben sehr reich macht.

*alle Namen geändert

Gefördert von der Hessischen Kulturstiftung

Jenseits des Kerns – Außerfamiliäre Beziehungen von Kindern und Erwachsenen

In unserem Text „Welche Schuld hättest du gerne?“ machen meine Co-Autorin und ich uns Gedanken darum, wie man gegen Antifeminismus und Adultismus angehen kann, ohne dabei an den vermeintlichen Widersprüchen zu zerbrechen, die uns täglich vor die Füße geworfen werden. Unsere Lösung ist so einfach wie utopisch: Sie besteht in einer Gesellschaft, in der alle Menschen aktiv daran mitarbeiten, diese – und alle anderen – Diskriminierungsformen aktiv zu bekämpfen, und in der alle Menschen sich darüber im Klaren sind, dass sie ihr Leben lang im Rahmen ihrer Möglichkeiten Verantwortung für andere Menschen übernehmen müssen, wenn sie in einer gerechten und funktionierenden Gesellschaft leben wollen.

Der Satz „Kinder brauchen ihre Mutter“ ist problematisch, wie wir wissen. Viele Menschen würden den dahinterstehenden Gedanken heute vielleicht lieber so formulieren: „Kinder brauchen Erwachsene, die die Verantwortung für ihr Wohlergehen übernehmen.“. Damit erkennen sie schon mal an, dass nicht nur die Mutter oder nur die Eltern rund um die Uhr diese Verantwortung tragen müssen, dass es verschiedene Familienmodelle gibt, die alle ihre Berechtigung haben, und sie erkennen an, dass Kinder ein Recht darauf haben, dass auch dann ihre Bedürfnisse gewahrt werden, wenn sie selbst ihre Rechte gegenüber Erwachsenen noch nicht durchsetzen können.

Trotzdem greift dieser Satz zu kurz. Denn er geht weiterhin davon aus, dass es einerseits Menschen gibt, die selbstständig sind und Verantwortung für andere übernehmen können, und andererseits welche, für die gesorgt werden muss. Was aber sind selbstständige Menschen? Der Kreis derer, denen dieses Attribut zugeschrieben wird, scheint sich stetig zu verkleinern. Es genügt eigentlich nicht, erwachsen zu sein – man muss auch (in einer immer prekärer werdenden sozialpolitischen Gemengelage) seinen eigenen Wohnraum und Lebensstil finanzieren können; man sollte in der Lage sein, für sich selbst zu kochen und zu putzen (oder so viel Geld zur Verfügung haben, dass man andere dafür bezahlen kann), und es scheint im Raum zu stehen, dass eigentlich nur der*die selbstständig ist, der*die es nicht nötig hat, jemals im direkten Kontakt mit anderen Menschen zu stehen. Eigentlich steht dahinter die Idee, dass ein selbstständiger Mensch nur die Leistungen anderer Menschen braucht, die er*sie bezahlen kann. Welche Leistungen von wem bezahlbar sind, ist jedoch eine Frage gesellschaftlicher Machtstrukturen – und darum eine Illusion. Warum gelten wir nicht als abhängig, wenn wir unser Essen und unsere Kleidung nicht selbst produzieren, aber durchaus als abhängig, wenn wir sie nicht selbst bezahlen? Wenn ein*e Erwachsene*r genügend Macht und Geld zur Verfügung hat, muss er*sie möglicherweise ebenso wenig Verantwortung für die Organisation seines körperlichen Wohlbefindens übernehmen, wie ein sechsjähriges Kind, das überhaupt nicht als selbstständig gilt.

Eigentlich muss es also heißen: „Alle Menschen brauchen andere Menschen, die für ihr Wohlergehen Verantwortung übernehmen.“. Umgekehrt bedeutet dies, dass jeder Mensch nach seinen Möglichkeiten Verantwortung für seine Gemeinschaft übernehmen muss – und in dieser Formulierung können damit wirklich alle Menschen eingeschlossen sein. Denn selbst ein neugeborenes Kind trägt bereits nach seinen Möglichkeiten Sorge für das Wohlergehen seiner Mitmenschen: Allein schon indem es ausdrückt, ob es ihm gut geht oder nicht, trägt es zum Gelingen seiner Gemeinschaft bei. Der Grundgedanke: Welche Aufgaben müssen alle erledigt werden, damit es allen in dem aktuellen Kontext Beteiligten gut geht? Davon ausgehend kann man dann fragen: welche Aufgaben davon kann ich übernehmen? Welche Aufgaben werden bereits von anderen Personen übernommen? In dieser Denkrichtung ist es möglich und wichtig, anzuerkennen, welche wichtigen Aufgaben jeden Tag auch von jenen übernommen werden, die in unserer Gesellschaft als abhängig (und damit als weniger wertvoll) definiert werden.

Diese Denkrichtung geht auch weg von der Idee, dass ein oder zwei Menschen „die Verantwortung“ für ein Kind „haben“, und für die Abdeckung aller möglichen Bedürfnisse zuständig sind, die sich in den mindestens ersten 18 Jahren seines Lebens überhaupt ergeben können. Denn eine solche Verantwortung kann niemand ernsthaft guten Gewissens eingehen. Ich bin für eine geteilte Verantwortung, die Menschen immer wieder frei übernehmen können. Damit aber nicht die Situation entsteht, dass sich plötzlich niemand zuständig fühlt, braucht es eine Gesellschaft, in der Verantwortungen für die Erfüllung verschiedener wichtiger Bedürfnisse auf viele Schultern verteilt sind. Und in der alle daran mitwirken.

Ich plädieren weiterhin dafür, dass alle Kinder ein stabiles und vielfältiges Geflecht persönlicher Beziehungen haben sollten, die jeweils einen kleinen Teil dessen, was als „Verantwortung für ein Kind“ bezeichnet wird, übernehmen.

Wie können wir uns aber auf den Weg in diese Utopie machen? Ich glaube: indem wir zunächst einmal danach schauen, welche Beziehungsgeflechte Kindern heute schon haben. Welche Erwachsenen sind eigentlich bereits heute Teil des Lebens von Kindern – abgesehen von der Kernfamilie? Welche wichtigen Rollen spielen sie für die Entwicklung, Sicherheit, Horizonterweiterung, Lebensfreude von Kindern? In dieser Serie möchte ich einige solcher Beziehungen vorstellen, wie sie heute schon existieren. Ich möchte einen neuen Blick auf Menschen werfen, die eine Bereicherung füreinander sind – jenseits der gesetzlich definierten Kernfamilie.

Diese Serie wird gefördert von der Hessischen Kulturstiftung

Adventskalender 20

A. kann schlecht einschlafen. Er will immer, dass ich neben ihm liege und aufihn aufpasse, aber wenn ich das tue, fängt er an zu spielen und immer neue Spielsachen zu holen, bis das Bett auch für die unsensibelste Prinzessin auf derErbse unerträglich wäre. Ich muss immer wieder mit neuen Tricks dafür sorgen, dass er das Gefühl hat, dass ich auf ihn aufpasse, obwohl ich nicht im Kinderzimmer bin, und dass ich etwas langweiliges mache, das gleich zu Ende ist, so dass ich gleich wieder da bin. Ich hoffe dann, dass er einschläft, während er auf mich wartet, was manchmal funktioniert. Heute nähe ich gerade einen Spielzeugsack, als ich gerufen werde: F. ist eingeschlafen und A. fühlt sich allein. „Weißt du was?“, flüstere ich geheimnisvoll, „Der Weihnachtsmann hat mich angerufen, ich soll was für ihn nähen. Der Weihnachtsmann kann nämlich nicht nähen. Das muss ich jetzt machen, damit es rechtzeitig fertig wird. Ich lasse die Tür offen, dann kannst du mich hören.“ A. ist beeindruckt und einverstanden. Deutlich später werde ich noch mal gerufen: „Mama, ich wille auch so eins genäht haben so der Weihnachtsmann.“ – „Ja, sage ich, du kriegst auch so was genäht wie der Weihnachtsmann, aber erst an Weihnachten. Jetzt schlaf mal, dann ist Weihnachten schneller da.“ Nach zwei weiteren Intermezzi schläft A. schließlich ein.

Adventskalender 19

Im Kindergarten gibt es sehr schönen selbstgemachten Weihnachtsbaumschmuck zu kaufen, aus Filz und Paillettenstoff, vielleicht von irgendeiner Erzieherin hergestellt. Tagelang müssen die Kinder mich daran erinnern, dass sie jeder eins haben wollen, bis ich endlich das passende Geld dabei habe. A. sucht sich einen Zwerg auf einer Gans aus, F. ein glitzerndes Herz. Ich muss das Herz noch mal umtauschen in ein größeres, aber das ist in Ordnung, ich finde auf jeden Fall, dass beides eine gute Ergänzung zu einem schönen Weihnachtsbaum ist. Dann fahren wir zum Zahnarzt, der unsere Zahnputzkünste lobt und uns mit zwei kleinen Plastikgeschenken nach Hause schickt, die auf dem Heimweg sofort kaputtgespielt werden. Ich ärgere mich heimlich ein bisschen über die in zwei Schichten Plastik eingepackten nutzlosen Dinge, die so tun, als wären sie Spielzeuge, und in Wirklichkeit nicht länger benutzbar sind als ein Kaugummi. Das eine Spielzeug, eine kleine Ente, kann blinken, so lange bis F. sie seinem Bruder wegnimmt und dann wieder in seine Richtung schmeißt. Dann ist sie kaputt. Zu Hause stellt sich heraus, dass das Glitzerherz verlorengegangen ist.